Die Zeit mit kleinen Kindern aufsaugen – über Fremdbetreuung, Alltag und Endlichkeit

Was ich mir im Alltag oft nicht bewusst mache: Die Zeit, die ich wirklich intensiv mit den Kindern habe, ist doch einfach sehr kurz. Ja, sie ist endlich.

Wenn die Kinder noch klein sind, brauchen sie uns ganz anders. Da ist die Mama und/oder der Papa noch die wichtigste Person im Leben. Der gesamte Tag wird miteinander geteilt. Die Nächte selbstverständlich auch. Die Nächte teile ich mit meinen Kindern noch immer sehr intensiv. Den Tag aber oft nur in Teilen. Beide Kinder sind schon relativ früh in den Kindergarten gegangen. Zum einen, weil ich Kita für Kinder wichtig finde, zum anderen, weil ich immer früh auch wieder arbeiten wollte.

Die letzten Wochen sind hier ein wenig anders verlaufen und haben mich doch sehr zum Nachdenken gebracht. Auf Grund eines Kita-Wechsels waren unsere Kinder nun gut acht Wochen zu Hause. Hätte man mir das vorher erzählt, hätte ich wohl direkt Schnappatmung bekommen. Früher fand ich schon drei Wochen Sommerferien teilweise recht lang. Und heute? Frage ich mich ehrlich gesagt, warum ich meine Kinder nicht erst später in die Kita gegeben habe.

Ich will jetzt nicht sagen mit drei Jahren, ich glaube, das hätte Kindern und Eltern nicht gut getan. Ich glaube aber auch, mit zwei Jahren hätte es auf jeden Fall ausgereicht (Lütti ist mit 11 Monaten in die Kita gekommen, CJ mit 15 Monaten). Unsere Kinder waren immer in sehr kleinen Einrichtungen. In Familiengruppen bis zu 17 Kindern.

Warum ich es heute anders machen würde? Die Kinder später fremdbetreuen lassen? Weil Eltern und Kindern einfach wertvolle Zeit miteinander verloren geht. Natürlich muss das Ganze beruflich möglich sein. Das ist es einfach oft nicht. Arbeitgeber sind nicht einverstanden mit einer längeren Abwesenheit, das Einkommen fehlt zum Familieneinkommen. Ach, es gibt tausend Gründe, glaube ich. Mit einer kann auch sein, dass beide Eltern einfach wieder arbeiten wollen. So war das auch bei uns. Heute sage ich, ich hätte anders entschieden.

Ich weiß noch ganz genau, wie traurig ich war, als unsere 11-monatige Tochter damals durch die Kita krabbelte. Laufen konnte sie lange noch nicht. Ich hatte ein super Jobangebot. Konnte wieder als Marketing Managerin arbeiten und das sogar auf einem Teilzeit-Vertag. Ich war der Meinung, das könne ich auf keinen Fall absagen.

Unser Sohn kam etwas später in die Kita und ging anfangs nur drei Vormittage die Woche. Dann drei Tage die Woche 6 Stunden. Einen Tag in der Woche haben wir in Hamburg auch später immer frei gemacht. Irgendwie war das in Hamburg auch lockerer möglich. Da gab es auch nicht den Zwang, jeder MUSS einen 45-Stunden-Platz nehmen, sonst bekommt er gar keine Platzzusage. Es gingen auch 30 Stunden. Das war absolut fine.

Im letzten Kita-Jahr hier in der neuen Stadt waren die Kita-Tage oft lang. Auch weil mir durch das aufwendige Hin- und Herbringen häufig wichtige Arbeitszeit fehlte und so die Kinder oft spät zu Hause waren. Beide hatten gezwungenermaßen 45-Stunden-Plätze (hätten wir die Plätze nicht bezahlt, hätten wir sie gar nicht bekommen). Kurz: Es war anders als in Hamburg. Oft habe ich zu meinem Mann gesagt, dass ich das Gefühl habe, mir ginge hier etwas verloren. Richtig gefreut habe ich mich da über die intensive Zeit als Familie auf unserer Reise. Das war bombastisch.

Und ehrlich? Dieser Sommer war es auch. Zwei Monate intensive Zeit mit den Kindern. Alltag. Über die Wiesen, Pickick, Planschbecken, Ferienschwimmkurs, Malen, Basteln oder einfach nur nebeneinander her seinen Prütt machen. Die Kinder spielen mittlerweile extrem gut miteinander und sind auch sehr selbstständig. Sie spielen draußen mit anderen Kindern auf der Straße. Fahren Fahrrad und Roller. Wir frühstücken gemeinsam, essen gemeinsam Mittag und Abend. Das ist schön. Wir besprechen, was wir gemeinsam unternehmen wollen. Wir tauschen uns aus, erleben Dinge gemeinsam. Da ist jetzt ziemlich oft das Wort gemeinsam gefallen, merkt ihr das?

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Auch wir können unsere Jobs nicht von heute auf morgen völlig an den Nagel hängen. Wir sind beide selbstständig und konnten uns viel frei einteilen. Zudem haben besonders Oma, Omi und Opa sehr geholfen. Aber ich habe mit der Arbeit zurückgesteckt, finanzielle Einbußen hingenommen. Das ging und ist für uns auch in Ordnung. Denn ganz ehrlich: Ich fand diesen Zugewinn von Zeit ein Geschenk. Ein Geschenk, das genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Ja, seine Kinder nicht fremdbetreut zu haben, ist um einiges anstrengender. Es gilt den Tag zu strukturieren, Angebote zu schaffen, Streits zu schlichten, auf deutsch gesagt auch immer Frühstück und Mittagessen zu richten (das gibt es ja in den meisten Kitas). Ich glaube, mittlerweile sind wir ein ziemlich eingespieltes Team. Ich arbeite oft vor dem Aufstehen der Kinder, dann gibt es nach einem langsamen Aufstehen mit viel Spielen ein Frühstück und die Zeit bis zum Mittagessen verbringen wir oft gemeinsam mit Malen, kleinem Ausflug oder auch wirklich gemeinsamer Hausarbeit (dazu muss man die Kids nicht mal überreden). Der Kleine hilft gerne beim Mittagessen machen. Dann gibt es hier eine strikte Mittagsruhe. Supersüß gehen dann ALLE an ihre Schreibtische. Die Kids malen bei einem Tonie und ich arbeite. Was ich besonders erstaunlich finde: Die Kids akzeptieren voll und ganz, das in dieser Zeit jeder seins macht. Am Nachmittag unternehmen wir dann etwas oder die Kindern spielen mit Nachbarskindern einfach auf der Straße. Ach, wenn ich das hier so schreibe, merke ich, dass ich diesen neuen Alltag auch ganz schön vermissen werde.

Für unsere Tochter bricht jetzt das letzte Kindergartenjahr an und ich merke, wie Freunde und Hobbys in ihrem Alltag einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Ja, die Zeit, in der man für kleinen Kinder noch die ganze Welt ist, ist kurz. Mit jedem Milchzahn, der hier rausfällt, wird mir das bewusster. Vor dem ersten hatte ich diesen Text geschrieben: Dein erster Wackelzahn und meine Angst, dass die Zeit zu schnell rennt. Heute sind schon zwei Zähne draußen, der dritte wackelt. Hatte sie nicht gerade überhaupt erst Zähne bekommen?

Ich glaube, oft werde ich mich an diesen Sommer erinnern, der vor allem für uns als Familie da war. In dem die Kindern so viel und intensiv miteinander gespielt haben, in dem ich oft ein Lächeln im Gesicht hatte, wenn ich sie von drinnen beobachtet habe, wie sie draußen die tiefgründigsten Gespräche geführt haben, wie sie sich Spiele ausgedacht haben und wie sie mich immer wieder eingeladen haben dabei zu sein. Ja, Zeit miteinander, die uns niemand nimmt.

Ich kann meine Entscheidungen nicht zurück drehen, es ist alles gut so, wie es ist. Trotzdem freue ich mich drauf, im kommenden Jahr etwas anders zu machen. Nämlich – soweit es geht – viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Ihre Welt aufzusaugen, mir bewusst zu machen, wie endlich diese ist.

Ja, Kita ist gut und wichtig. Aber Erzieher sind natürlich nicht die Eltern. Erzieher haben jedes Jahr wieder kleine Kinder um sich. Ich habe meine nur einmal. Für uns Eltern sind unsere Kinder die Welt und wir für eine Zeit lang auch die ihre.


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10 Gedanken zu „Die Zeit mit kleinen Kindern aufsaugen – über Fremdbetreuung, Alltag und Endlichkeit“

  1. Finde es toll von dir das du das so ehrlich schreibst. Die wenigsten können im Nachhinein zu geben das sie es anders machen würden.

  2. Finde es toll von dir das du das so ehrlich schreibst. Die wenigsten können im Nachhinein zu geben das sie es anders machen würden.

  3. Ich würde es auch anders machen. Und finde es toll, dass du so ehrlich damit umgehst. Meine Kinder gingen erst mit 3 Jahren in den Kindergarten. Allerdings “mussten“ sie davor, als der kleine Mann nämlich ein JAhr alt war, mit ihrer Oma
    Vormittags vorlieb nehmen. Ich hatte ein tolles jobangebot nur 20 Minuten Fahrzeit von zu Hause weg. Sonst hätte ich nämlich nach Wien pendeln müssen (eine Strecke 1 1/5 Stunden). Aber ich nachhinein wäre ich lieber zu Hause geblieben. Glg aus Niederösterreich

  4. Mal wieder ein Text bei dem man sich so richtig mit reindenken und mitfühlen kann. Danke Sarah.
    Ich muss mich demnächst entscheiden wann und wie viel ich wieder arbeiten gehe… ich bin hin- und hergerissen zwischen meiner Liebe zu meinem Job und meinem Kind.

  5. Ich hatte heute meinen langen Arbeitstag… und gerade jetzt beim durchlesen deines Posts wurde mir klar, wie wenig Zeit ich heute mit meinem Mädchen hatte und wie sehr ich doch in Zukunft unsere gemeinsame Zeit genießen sollte… weil sie eben so endlich ist!
    Danke für deinen Denkanstoß! LG und Gute Nacht!

  6. Ach liebe Sarah, jeder Text von dir trifft einfach immer ins Schwarze. Und dieser berührt mich sehr, weil die Kleinen einfach alles sind und du es sehr sehr schön beschrieben hast. Danke dafür- wie schon so oft..liebe Grüße aus deinem Hamburg,Anne

  7. Was du alles wieder so schön in Worte gefasst hast und mir damit auch aus der Seele sprichst! Ich hatte die letzten drei Jahre einen Vollzeitjob in der stationären Jugendhilfe, das hieß auch an Wochenenden und einigen Feiertagen arbeiten. Das war nicht immer einfach – für mich und meine Kinder und ich glaube auch für meinen Mann! Vor allem war mein Sohn erst zwei Jahre als ich damit anfing und im Nachhinein zerreißt es mir das Herz wenn ich überlege wie oft ich nicht da war! ABER auch bei uns sind andere Zeiten angebrochen, nicht zuletzt durch unser Baby und ich habe auch so oft Momente, in denen ich in denen mein Herz lacht, weil wir zusammen sind! Denn wie du sagtest: die Zeot mit unseren Kindern ist endlich.
    Danke für deine ehrlichen Worte!

  8. Schöne Worte! Mit zwei Kindern mit einem Abstand von nur 17 Monaten sind wir oft kaputt und wünschen uns manchmal, „dass der Kleine endlich läuft“, „dass er endlich durchschläft“, „dass die Mäuse friedlich zusammen spielen, wenn sie endlich älter sind“ – und dann merkt man wehmütig, dass alles an einem vorbei saust, das Baby plötzlich kein Baby mehr ist und die Große mit ihren 2 Jahren ein richtiges Mädchen ist. Ganz nebenbei – sie werden so schnell groß und die Zeit ist so wertvoll!

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