Meine Kleine, das hier ist ein Brief an dich. An dieses tolle Mädchen, das gerade ganz stolz seinen ersten Wackelzahn präsentiert. Ja, du bist stolz. So stolz, dass du nun augenscheinlich größer wirst. Auf einmal gibt es für dich nicht mehr nur das Heute. Es gibt ein Morgen und ein Übermorgen. Und darauf freust du dich. Du hast ganz große Pläne. Du stellst dir vor, was du alles machst, wenn du groß bist. So lange fernsehen wie du möchtest, ja, auch ein eigenes Handy soll es sein und du erzählst mir, dass du dann auch ganz lange und viel reisen möchtest. Ja, du hast viele Pläne, „wenn ich endlich groß bin“. Und ich? Ich kriege auf einmal ganz schön Angst. Das „endlich groß“ darf für mich gerne noch unendlich lange dauern. Will gar nicht daran denken, dass du auf einmal alleine irgendwo hinfährst. Schon gar nicht alleine reisen. Was ist, wenn dir etwas passiert? Wenn du Hilfe brauchst? Wo bin ich dann?

Naja, Gott sei Dank hast du dann ja ein Handy :-) Du bist gerade mal fünf Jahre alt. Als mir die Zahnärztin vor gut einem halben Jahr sagte, der untere Zahn würde ein bisschen wackeln, habe ich sie mit großen Augen angeschaut. Ein Zahn wackelt? Gefühlt hast du doch erst gestern Zähne bekommen! Mit acht Monaten. Auch unten. Und jetzt soll da schon einer ausfallen? Die Zahnärztin versucht beruhigende Worte zu finden, sagt, das sei doch ganz normal. Kinder werden einfach größer und ich frage mich: Aber warum denn so schnell?

Ja, es ist ganz normal. Mein Mädchen, mein erstes Kind, wird größer. Die Zeit lässt sich nicht anhalten, auch wenn ich es noch so gerne möchte. Im letzten halben Jahr bist du nicht nur augenscheinlich größer geworden. Nein, mir fällt ein anderes Wort ein und wenn ich das hier ausspreche, dann schießen mir die Tränen direkt in die Augen: Du bist reifer geworden. Überlegter. Nachdenklicher. Du hast sooo viele Dinge im Kopf. Du willst so viel wissen. Ich finde mich eines Abends mit dir auf dem Campingplatz in Australien wieder und auf einmal fallen Worte wie „Ja, Mama, den mag ich. Aber den will ich doch nicht küssen.“ Ich bin baff, mein Mann auch. Er und der kleine Bruder lachen und ich? Ich weiß nicht, was ich bin.

Du hast noch genau die gleichen riesen großen blauen Augen, die du schon als Baby hattest. Diese Augen saugen alles auf. Du fragst, du fragst nach allem. Jedes Wort, das du nicht kennst, willst du dir erklären lassen. So haben wir gestern am Pool in Ubud über Steuern gesprochen. Mit einer Fünfjährigen! Einer Fünfjährigen, der wir nicht mehr nur die Welt erklären. Nein, viele Dinge erklärst du uns. Wie dein Gespräch mit deinem Papa. Als du ihm erklärt hast, dass man sich in der Phantasie ja alles vorstellen kann. Das wäre ja das tolle für Kinder und schade für Erwachsene.

Ja, du bist klug, mein Mädchen. Und ja, bei all der Angst, dass die Zeit mir mit dir wegrennt, aus den Händen fließt, bin ich auch stolz. Auf dich. Ich freue mich von Herzen darüber, was für ein tolles Mädchen du bist. Ich bin stolz, wenn du mit mir alleine was machen möchtest. „Nur wir Mädels, Mama.“ Es erfüllt mich mit Freude, wenn du begeistert Fotos machst. Ein Auge für Details hast, gute Ideen. Wenn du so kreativ malst, so detailgenau. Wie du wie ein Fisch durchs Wasser schwimmst. Ganz allein, mit deinen fünf Jahren. Wie du begeistert tauchst.
Und ja, wenn du dir mit deiner kindlichen Phantasie vorstellst, was du alles machen kannst. Übrigens auch mich mit allem aus deiner Spardose aus dem australischen Gefängnis auslösen, wenn wir erwischt werden beim Muscheln schmuggeln. Ja, du hast gute Ideen und eigentlich immer ein Antwort parat. Vielleicht würde ich jetzt sagen „wie dein Vater“, aber nein. Du wirst immer mehr du selbst. Wächst zu einer eigenen tollen Persönlichkeit heran.

Noch bedeutet für dich der Inhalt deiner Spardose absoluter Reichtum, willst du am liebsten deinen Bruder heiraten und wir beide, wir sollen immer zusammen bleiben. Das finde ich schön. Ich weiß, dass sich das ändern wird. Und auch dann möchte ich da sein für dich. Dir helfen dich zurecht zu finden. In der Welt – und dass du diese zu deiner machst. Zu deiner eigenen und Wege gehst, auch ohne deine Mama. An deinem Glück teilhaben und dich im Unglück trösten. Aber bis dahin lass mich noch ein bisschen teilhaben an deiner zauberhaften, phantasievollen, kindlichen Welt.

Deine Mama