Es ist ein Junge! – damit fällt er in die Kategorie „Hauptsache gesund“

Wer kennt diesen Satz? Er stammt von Ildikó von Kürthy aus dem Buch „Unter dem Herzen“. Sie beschreibt so passend weiter „Jeder hat so seine heimlichen Mindesterwartungen. Ein Hirn, kein Schwanz. Das sind unsere.“ Ja, es gibt sie eben doch, die Erwartungen und ihre Reaktion von „Ein Mini-Pimmel. Das war sonnenklar. Ich sagte: Scheiße.“ kann ich sogar ein Stück weit nachfühlen. Aber nicht nur Ildikó von Kürthy wurde schnell eines besseren belehrt…

„Und, wisst ihr schon was es wird?“ ist ja meist so die erste Frage die mit Bekanntgabe der Schwangerschaft gestellt wird. Und dann fängt es an, dieses Geschlechterding. Jungs tragen schon als Baby anscheint immer blau, Mädchen rosa. So gaukelt es einem zumeist die Industrie vor, wenn man in die Babygeschäfte schaut. Dann geht es weiter. Jungs sollen wild sein, Mädchen lieb und süß. Puppenmamas halt. Puppenpapas gibt es irgendwie nicht so viele.

Auch man selbst kann sich, wenn man ganz ehrlich ist, nicht ganz von dem „Wunschgeschlecht“ frei machen. Bei Kind Nummer eins war uns das irgendwie noch egal. Viel zu glücklich waren wir darüber, dass es überhaupt geklappt hat. Dann war Kind Nummer zwei auf dem Weg und ich bin ganz ehrlich: ich hätte mir ein Mädchen gewünscht. Ein Mädchen was auch all die vielen süßen Kleidchen von Lütti tragen würde. Ein Mädchen was mit ihren Puppen spielt und Steckenpferde reitet. Zöpfe flechtet.
Völliger Scheiß, das weiß ich heute. Heute als Mädchen- und Jungsmama.

Jungs sind nämlich, genauso wie Mädchen, nicht typisch Jungs oder typisch Mädchen. Unser kleiner Junge war schon immer der Schmusetyp. Ganz nah dran an Mama. Wenn Mama da ist, ist die Welt in Ordnung. Kuscheln ist das Größte. War es schon immer. Mein kleiner Junge ist ein sehr körperliches Kind und das genieße ich sehr.

Er hat einen Blick für andere und ist hier nicht nur der Puppenpapa, sondern auch der Kuscheltier Papa. Jede Nacht wenn er zu uns ins Bett getragen wird, besteht er darauf das alle seine Kuscheltiere mit rüber getragen werden. Jeder von ihnen bekommt dann einen Platz in der Mitte und wird fein säuberlich zugedeckt. Ich bin derweil meist schon wieder eingenickt, bis ein lautes „Platz!“ von ihm kommt. Dann kommt mein Part: alle Kuscheltiere ein bisschen zusammen rücken, damit er auch einen Platz in ihrer Mitte hat. Dann stimmt alles.

Seit neusten kümmert er sich sehr aufopferungsvoll um die nachgerückte Generation im Kindergarten. Er ist ja nun zwei Jahre alt und somit der Chef im Bereich des jungen Gemüses. Allerdings muss ich bemerken, dass es sich besonders aufopferungsvoll um die Damenwelt kümmert…

Aber er kann auch böse sein. Mit einem aufgesetzten Löwengesicht heißt es dann „Mama, bin BÖSE!!!“ und das ist der dann auch. Sehr. Und wild, richtig wild. Zum Beispiel wenn er am Nachmittag einige Runden auf einem sehr maskulin wirkenden roten Porno Schlitten gedreht hat und das seiner Meinung nach viel zu früh beendet wurde. Dann ist er böse. So richtig böse. So wie wild und böse wie es auch seine Schwester sein kann. Ist die etwa gar kein Mädchen?

Als Lütti letzte Weihnachten ein Steckenpferd bekommen hat, war er derjenige der immer wieder freudestrahlend sein Runden damit gezogen hat. Opa hat sich dann ein Herz genommen und ihm mein altes aus dem Keller geholt. Heute reitet er mit zwei Jahren schon genau so gerne auf Ponys wie seine vierjährige Schwester. Das hat er im Blut sagt Omi, er wäre genauso wie sein Urgrossvater. Das macht mich stolz.

Überhaupt: Stolz und Glückseligkeit, dass ist das was bei mir aufkommt wenn ich diesen kleinen Jungen sehe. Dieser Junge der öfters, genau wie seinen Schwester, auch einen Zopf haben möchte. Der seinen kleinen Arm um mich legt und „lieb dich mein Mama“ sagt. Der das Wort „Deko“ glaube ich in seinem ersten 10 Worte Wortschatz hatte, der super gerne tanzt und immer darauf besteht das „Mic, Mama, Mic!“ (Musik) aufgedreht wird. Und wenn wir durch die Küche steppen zu einem meiner Lieblingssong und er ruft „nochmal Seco Mama, nochmal nie Seco Mama!“ (Annett Louisan „Das wäre alles nie passiert ohne Prosecco) dann bin ich mir ganz sicher: das hätte alles nie viel schöner werden können mit einem Mädchen.

Und egal ob ich mit ihm mal in der Ballettschule oder auf dem Fussballplatz stehen werde. Ob er sich auch mal dellt oder eher Geige spielt. Er ist und bleibt mein geliebtes Kind – und genau wie seine Schwester ein absolutes Wunder und wir haben das große Glück, dass wir seine Eltern sein dürfen.


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11 Gedanken zu „Es ist ein Junge! – damit fällt er in die Kategorie „Hauptsache gesund““

  1. Liebe Sarah,
    mal wieder ein toller Text von dir, Danke! Und er spricht mir wirklich sehr aus der Seele. Ich bin nun am Ende meiner Schwangerschaft angekommen und wir haben uns dazu entschieden, Freunden und Familie das Geschlecht unseres Kindes nicht vor der Geburt zu verraten. Damit stößt man leider sehr oft auf Unverständnis. Und es ist immer das top Thema, ob mein Bauch nun nach Junge oder Mädchen aussieht oder ob ich nicht vielleicht doch etwas verrate. Dabei ist es doch viel wichtiger, dass es dem Kind gut geht… Ich freue mich riesig auf mein Baby und bin auch mit dem Geschlecht glücklich, aber währe das beim anderen Geschlecht anderes gewesen? Wohl kaum.
    Viele Grüße und weiterhin frohes Tanzen :)
    Nele

  2. Ich habe auch die Kombi erst Mädchen, dann Junge (und nochmal Junge). Jedes dieser 3 Kinder hat so wunderbare Eigenschaften, die so gar nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Ich hoffe, wir können unsere Kinder um ihrer selbst Willen lieben und nicht weil sie ein Geschlecht, ein Talent oder eine besondere Gesinnung haben. Sie wurden uns nicht geschenkt um unsere Erwartungen zu erfüllen. Sie sind fertige kleine Geschöpfe, die gesehen und als solche erkannt werden wollen.
    Meine 2 Großen lieben das Lied: „Das eine Kind ist so, das andere Kind ist so.[…]Jedes Kind will träumen und vor allem glücklich sein.“
    Vielen Dank für deinen tollen Text.

  3. Hallo liebe Sarah! Sehr toll geschrieben…kann dir in allem nur Recht geben. Bin zwar eine Mädchenmama und natürlich mehr als happy mit der kleinen Maus, aber ich bin mir sicher dass ich mit einem kleinen Jungen genau so happy gewesen wäre. Während der Schwangerschaft habe ich mir auch of anhören dürfen“du willst aber schon ein Mädchen“ (als ob ich das beeinflussen könnte) oder „ach so ein kleines Mädchen in der Familie“…ich hatte mir dann schon aus Trotz gewünscht, dass es ein Junge wird! Jetzt wo das kleine Mädchen da ist(naja mittlerweile auch schon seit einem Jahr), geht es weiter. Ich habe ihr doch tatsächlich einen dunkelblauen Wollwalk Anzug gekauft…“aber der ist doch für Jungs“?!? Ne, eigentlich nicht, steht nirgends! Kaufe generell sehr gerne neutrale Sachen, natürlich auch mal rosa…aber eben nur weil rosa ja auch schön ist, genauso wie blau! Haupsache die Kleinen sind happy…egal ob in rosa oder blau, mit Puppe oder Ball!!! Liebe Grüße und weiter so! xx Andie

  4. Schön geschrieben aber Tatsache ist doch (siehe die gefühlt Millionen von Beiträgen dazu in Foren, etc.) dass Frauen oft eine Sehnsucht nach einem Mädchen, einer Tochter haben (aus verschiedensten Gründen). Ich habe bisher ein Kind, einen Sohn. Und JA, ich war im ersten Moment enttäuscht, alles andere wäre gelogen (mein Mann hätte sich übrigens auch ein Mädchen gewünscht!). Das hat sich dann aber relativiert und am Ende waren wir einfach überglücklich ein gesundes Baby im den Armen zu halten und unsere Gefühle sind bis heute so! Jetzt denken wir langsam an ein Geschwisterchen und schon schleicht sich wieder der Gedanke ein „…ein Mädchen wär schön“.
    Wenn man (so wie ihr) das Glück hat zumindest ein Mädchen zu haben dann kann man diese Thematik mit der „Mädchen-Sehnsucht“ nicht wirklich nachvollziehen, sorry.

  5. Oh, wie schön. Bei der Ähnlichkeit zum Urgroßpapa muss ich hormongeschwängerte (auch fast zehn Monate nach der Geburt) ein bisschen Pipi im Auge wegdrücken. Wir haben auch eine Tochter (fast 5) und einen Sohn (fast zehn Monate) und ich habe tatsächlich auch „oh neeee“ gedacht. Einfach weil ich für ein Mädchen schon alles hatte (haha, von wegen, wir kleiden neutral…genau!) und weil ich es schon einmal hinbekommen habe und weil ich doch gerne eine Mädchenmama bin. Ich selbst habe eine wundervolle Beziehung zu meiner eigenen Mutter und werde dadurch stark geprägt. AAABER auch weil viele Mütter von dieser so besonderen und ganz speziellen Mutter-Sohn-Beziehung sprechen. Kotz! Da habe ich direkt gesagt, dass ich SO nicht werden will. Ich merke jetzt, dass es gar keinen Unterschied macht. Wir singen, spielen, essen das gleiche…Klamotten sind bisschen langweiliger, aber ansonsten bekommt er die abgelegten Spielsachen der Großen (mehr Duplo (Zoo, Feuerwehr, Eisenbahn) und mehr Bücher und mehr Puzzle kann eine Familie gar nicht haben) und den Rest schauen wir mal. Die Diskussion besteht aber und niemand kann leugnen, dass man in seiner Kinderwunschvorstellung nicht auch ein bestimmtes Geschlecht erträumt…dass man dann das tatsächliche Baby weniger liebt, weil es das „weniger tolle“ Geschlecht hat, ist natürlich Quatsch, denn dann zählt ja tatsächlich „Hauptsache da, Hauptsache Baby, Hauptsache gesund“!!!

  6. Bravo, bravo! So ist es. Wir haben auch die Reihenfolge Mädchen (fast 3) und Junge (1). Unglaublich wie viel öfter uns beim zweiten Kind Autos geschenkt wurden. Sehr schöne Holzautos mitunter und den Schenkern ist es wahrscheinlich nicht mal bewusst aufgefallen, aber in der Summe ist es doch auffällig. Ich selber achte sehr auf Gender-Neutralität im Alltag und wusste bei beiden Kindern das Geschlecht vor der Geburt nicht. Bewusst, ich bin Frauenärztin. Vielleicht hat das unser Kennenlernen im Wochenbett einen Schritt verlängert, ich würde es aber immer wieder so machen. Trotzdem steht meine Tochter momentan sehr auf Kleider und rosa, aber auch Fahrzeuge jeder Art sind äußerst beliebt. Die Geschlechterrollen sind in der Gesellschaft schon sehr vorgegeben. Wir können nur versuchen im Kleinen dran zu arbeiten und unseren Kindern anderes vorleben à la Papa kocht und Mama nagelt das Bild an die Wand.

  7. Sehr schön!!!
    Ich habe mich selbst immer als Jungs-Mama gesehen und war auch froh, als sich unser erstes Kind als Junge entpuppte. Mein Mann war tatsächlich etwas enttäuscht, weil er sich so sehr eine Tochter gewünscht hatte (wegen der Vater-Tochter-Beziehung). Aber beim zweiten Mal wurde es ja dann die Mistmatz. Ich hätte nichts gegen einen zweiten Jungen gehabt, war aber auch mit dem Mädel glücklich. Ein Pärchen – großer Bruder, kleine Schwester – ist ja auch schön. Nun ist unser kleines Mädchen aber halt leider so gar nicht lieb, wie der Spitzname schon impliziert. Sehr anstrengend, fordernd, ständig unzufrieden. Ich kann’s immer gar nicht nachvollziehen, wenn werdende Mütter sich so sehr ein Mädchen wünschen, und dann enttäuscht sind, wenn es doch ein Junge wird. Ich denke mir dann tatsächlich oft: sei froh!
    Im Grunde ist es aber doch so: auf den Charakter kommt es an! Die Kinder sind so unterschiedlich, egal ob Junge, Mädchen, erstes oder zweites Kind … alle entwickeln sich zu ganz eigenen Persönlichkeiten. Vollkommen unabhängig vom Geschlecht.
    Zum Thema Genderspezifisch möchte ich noch loswerden:
    Ich finde diese Gleichmachung nicht immer gut. Es gibt Studien dazu, dass Mädchen nun mal vermehrt auf Rollenspiele (Puppen) anspringen, als Jungs, die häufig lieber bauen oder auch mal raufen. Klar, soll man sie nicht in eine Schablone pressen, aber auf Zwang zur Neutralität umpolen ist wahrscheinlich auch nicht so toll.
    Ganz liebe Grüße
    Tina

    • Liebe Sarah, was für ein wichtiges Thema, das mich auch immer wieder umtreibt. Ich habe ein Mädchen und denke manchmal, ich nehme sie einfach als Wesen wahr! Sie ist aber auch erst ein Jahr alt.
      Das Geschlecht ist doch wirklich egal! Und ich finde auch, dass es wichtig ist, nicht mit Erwartungshaltungen, Projektionen, … an das Kind heranzutreten! Letztens habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich als Gastgeschenk einem Jungen ein Aufziehauto und dem Mädchen ein Buch mitbringen wollte. Am Ende haben beide eine hübsche bunte Holzloks zum Aufziehen bekommen und sich sehr daran erfreut.
      Das hat meiner Meinung nach auch nichts mit einem „Zwang zur Neutralität“ zu tun, sondern damit Interessen auszuloten und Möglichkeiten aufzuzeigen. Wir haben kein einziges Auto geschenkt bekommen aber lauter pink rosa Plüschzeug. Das P-Wort konnte ich in der Schwangerschaft nicht mehr hören: wenn ich sagte, dass es ein Mädchen wird – sofort: „Eine kleine Prinzessin“. Nein. Ich will nicht, dass meine Tochter denkt, Prinzessin zu sein wäre eine erstrebenswerte Sache und herumkommandieren soll sie auch niemanden. Warum sollte ich sie so nennen, Prinzessin? Was ist daran so positiv? Im Kita-Buch eines kleinen Sohns von Freunden schrieben alle Mädchen als Berufswunsch Prinzessin. Das ist doch auch nicht normal. Wer erzählt denn Kindern sowas?
      Nimmt sie einen Lappen zum Spielen oder einen Feger heißt es sofort „so eine gute Hausfrau“, dabei ist es so normal, dass Kinder nachahmen und nachspielen. Ich reagiere da mittlerweile echt allergisch drauf…
      Puh. ;)
      Herzlichst, Sophia

  8. Ich habe erst durch medizinische Hilfe ein Kind bekommen können. Einen Jungen. Mein Goldkind, das ich mir nie so unglaublich perfekt erträumt hätte. Ganz ehrlich. Nach den ganzen Prozeduren bin ich einfach nur happy über meinen Sohn. Und ich habe auch keine (heimliche) Sehnsucht nach einer Tochter. Höchstens nach einem zweiten Kind ;)

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