Weil mir manchmal so ein Kloß im Hals sitzt, den man Vermissen nennt

„Ich liebe die Schiffe, das Meer und den Hafen“ (Fettes Brot, Nordish by Nature)

Ja, ich vermisse „mein Hamburg“, „meinen Elbstrand“, „meine Hood“ – einfach die Stadt, in der ich mich bisher immer Zuhause gefühlt habe.

Unser „Zuhause“ ist jetzt woanders. Es ist schön, aber es ist eben noch nicht „Zuhause“. Das kann es ja auch noch gar nicht sein. Das braucht Zeit und davon wohl gar nicht so wenig. Denn zu diesem „Zuhause“-Gefühl gehört für mich einfach eine ganze Menge.

Ich kenn mich nicht aus hier

Ja, ich habe schon hier gelebt. Aber das ist nun ehrlich gesagt auch 12 Jahre her. Aus der Schülerin und dann der Studentin ist in der Zwischenzeit eine Frau und Mama von zwei Kindern geworden. Ich interessiere mich für Social Media, Mode und Interior. Treffe mich gerne mit Freundinnen auf ein Glas Wein und zum Essen. Ich bummele gerne durch die kleinen Shops und entdecke schöne Dinge. Ich gehe gerne mal einen Kaffee trinken.
Wo ich das hier alles mache? Ich habe keine Ahnung.

Nachmittags bin ich mit den Kindern immer gerne raus gefahren. In den Wald oder an den Strand. Wo hier Ecken sind, die ich gut mit den Kindern erkunden kann? Ich habe keine Ahnung. Als ich hier weg gezogen bin, hatte ich noch keine Kinder. War noch keine Mama. Hatte ganz andere Interessen.

Ich habe mich verändert, genau wie andere auch

Dort weitermachen, wo man aufgehört hat? Geht glaube ich nicht. Die letzten zwölf Jahre in der Großstadt haben mich geprägt. In meinem Bild zu sozialen Werten, in meiner Selbstwahrnehmung, in dem, was ich wertschätze und in dem, was ich sein möchte – oder eben nicht. Das heißt vielleicht auch sich hier neu zu erfinden. Neue Freundschaften zu beginnen und alte auf den Prüfstand zu stellen. Das ist nicht so einfach und erfordert Mut und Offenheit.

Ich habe viel zurückgelassen

In den Tagen und Wochen vor dem Umzug war eigentlich kaum mal Zeit dazu wirklich darüber nachzudenken, was ich so zurückgelassen habe in Hamburg. Jetzt habe ich Zeit mir das bewusst zu machen. Ich habe wahre Freunde zurückgelassen. Meine Freundinnen fehlen mir. Die Gespräche, die wir hatten. Der Alltag, den wir geteilt haben. Dieses „Wir“-Gefühl. Diese Verbundenheit. Verbundenheit durch viele gemeinsame Erlebnisse. Wichtige Lebensabschnitte, wie die Geburten und ersten Jahre mit meinen beiden kleinen Kindern. Das fehlt mir. Es fehlt mir, dass sie nicht einfach in der Woche auf einen Kaffee hier vorbeikommen können. Hier wie sonst selbstverständlich sitzen.

Jetzt heißt es mutig sein

Der erste große Schritt war bestimmt der Umzug. Aber was jetzt kommt, sind viele kleine Schritte. Viele die Mut und Offenheit bedürfen. Diese Schritte sich das neue Umfeld vertraut zu machen. So vertraut, dass es zu einem Zuhause wird. Vor zwölf Jahren habe ich diesen großen Schritt schon einmal gewagt und habe mir mit vielen kleinen Schritten eine Stadt zu meinem Zuhause gemacht. Ich glaube, das kann ich wieder schaffen. Und im Rücken habe ich das gute Gefühl, dass Hamburg ja nicht ganz weg ist. Hamburg und meine Zeit dort haben das aus mir gemacht, was ich heute bin. Die Menschen dort haben mich verändert. Mich selbstbewusster werden lassen. Und dieses Selbstbewusstsein, das kann ich hier jetzt gut gebrauchen. Für all die neuen Schritte.

13 Gedanken zu “Weil mir manchmal so ein Kloß im Hals sitzt, den man Vermissen nennt”

  1. Willkommen zurück, liebe Sarah!
    Es dauert sicher noch eine Weile, bis ihr aus vollem Herzen angekommen seid, aber dir und deiner Familie auch jetzt schon
    ♥lich willkommen (im neuen) „zu Hause“!
    Alles Liebe,
    Britta

  2. Ich versteh dich voll! Vor ein paar Wochen sind wir mit Kind und Kegel in mein Elternhaus gezogen. Mit 18 bin ich dort ausgezogen und hab die letzten 11 Jahre in der Großstadt gewohnt. Die Tage schwanken noch zwischen „beste Entscheidung“ und „ich will nach ‚Hause'“. Aber das wird, viel Erfolg euch :)

  3. Liebe Sarah,
    Umzüge bedeuten immer etwas vertrautes zu verlassen, ausbrechen aus der comfortzone, aber es bedeutet auch immer, sich neue Möglichkeiten zu schaffen und etwas Neues zu etwas vertrautem zu machen. Ich bin mir sicher, dass du schnell neue Leute kennenlernen wirst und es ist doch auch schön, neue ecken mit den Kindern zu entdecken.
    Ich wünsche euch einen tollen Anfang in dem neuen Zuhause, lasst es wachsen, dann wird das schon :)

    Ganz liebe Grüße, christina

  4. Liebe Sarah, deinen Zeilen haben auch mir einen Kloß beschert. Ich habe zwar keine Kinder, bin aber allen Ernstes mittlerweile 36 mal umgezogen. Ich bin ein Bundeswehr Kind und musste oft alles hinter mir lassen. Als Kind ist es sicherlich noch mal was anderes…man kann nicht zu allem und jedem den Kontakt für immer halten, eben weil wir uns weiter entwickeln! Einer meiner letzten Stationen war ein Vorort von Hamburg. Auch hier bin ich noch etliche Male umgezogen, aber mittlerweile immer im Speckgürtel geblieben. Bevor Hamburg mein Herz komplett erobert hat, war immer NRW mein zuhause! Ich bin dort immer noch gerne, aber zuhause ist Hamburg! Daher kann ich dein Empfinden sehr gut nachvollziehen und verstehen! Aber ich sage mir immer: You never try You’ll never know! Gib dir/euch Zeit dort anzukommen wo ihr jetzt seid! Und auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, Hamburg hat IMMER einen Platz für dich!! ⚓️
    Fühl dich gedrückt!
    Alles liebe Jenny (Jotpunkt_Kapunkt) ❤️

  5. Sarah- dein Artikel macht mir Gänsehaut.
    Wir sind vor 3 Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen. Inzwischen sind wir angekommen. Aber Hamburg bleibt unsere Herzensstadt….

  6. Hallo Sarah,
    Das sind ganz tolle, treffende und wahre Zeilen, die mir totale Gänsehaut machen. Wir haben 2003 noch ohne Kinder die Heimatstadt gegen eine viel größere unbekannte Stadt eingetauscht und schon dort viel über uns selber erfahren, Freundschaften überdacht, beibehalten oder auch erneuert. Dann sind wir von 2010-2014 mit der großen Tochter ins europäische Ausland gegangen und haben dort noch einmal ganz andere Dinge erlebt. Nun sind wir seit drei Jahren wieder hier und das Eingewöhnen fiel und fällt uns sehr unterschiedlich leicht oder schwer. Mittlerweile hat sich der kleine Sohn noch dazugesellt und unsere Familie komplett gemacht. Das sind so komplexe Gefühle, die einem dabei begegnen, sicher auch ganz unterschiedlich. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die kommende Zeit und ganz viel Mut und Rückhalt. Bei uns hat sich alles gelohnt und seinen Sinn ergeben. Alles Liebe…

  7. Liebe Sarah, wunderschöner Text . Mir gIng es genauso. Ich bin auch nach 10 Jahren Stadt in die Nähe der Familie nach Bayern gezogen. Alles War anders und es braucht Zeit. Doch nun nach 6Monaten ist das unser Zuhause. Unser Sohn hat sich gut eingelebt und wir schätzen das familiäre Umfeld unserer Kleinstadt sehr. Ich wünsche dir viel Kraft und auch Freude und Spaß für die nächsten Wochen und ein gutes Einleben. Berichte doch gern bald mal wieder wie es euch geht. Alles Liebe Ina

  8. Der richtige Text zur richtigen Zeit… du schreibst mir aus der Seele. Wir haben vor wenigen Wochen unsere Wahlheimat Köln verlassen um in unsere Heimat zurückkehren. In Köln ist unser Kind geboren und wir haben uns dort unglaublich wohl gefühlt. Während die alte „Heimat“ nicht mehr unser Zuhause ist. Wir hoffen dass kann sich wieder ändern, ansonsten müssen wir wohl oder übel noch mal die Koffer packen und zurück zu „unserem“ Dom. Liebe Grüße, Sarah

  9. Oh ich versteh dich so gut! Ich bin vor fast einem Jahr umgezogen … es sind bloß 3 Kilometer dich es ist was ganz anderes… jetzt brauch ich ein Auto um einkaufen zu gehen vor nem Jahr bin ich bloß runter gegangen und hatte alles nur ein paar Schritte entfernt. Selbst meine Mama die heilige geliebte Oma war zu Fuß bloß 10 – 15 min entfernt (kam drauf an was wir alles am weg hin fanden) … meine Freundinnen wohnten alle höchstens eine Straße weiter ich sah sie fast jeden Tag. Jetzt nicht mehr ich vermisse sie sehr! Aber es wird ein wenig leichter… seit meine Söhne hier in den Kiga und Schule gehen lerne ich ganz nette Leute kennen und erfahre eine große Herzlichkeit. Und das gibt mir die Hoffnung das es irgendwann mal so sein wird wie damals in der Wohnung. Kopf hoch ! Ich wünsch dir viel Stärke und Offenheit! LG lisa

  10. Was für ein schöner Text!! Wir haben unsere Herzheimat vor 5 Jahren verlassen- und was soll ich sagen – ich vermisse die jeden einzelnen Tag! Heimweh vergeht nicht, aber es wird leichter ❤️

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