Die Zeit heilt alle Wunden oder alles eine Phase im Leben

Ich bin zurück. Zurück aus Hamburg. Ein spontaner Entschluss. Ein guter. Und zum ersten Mal hat es irgendwie gar nicht so weh getan. Dieses nach Hamburg kommen.

Hamburg war für mich für 12 Jahre mein Zuhause. Meine Heimat. Der Ort, an dem ich Erwachsen geworden bin. Mit Erwachsen meine ich: so richtig unabhängig. In Münster habe ich studiert, ja. Ich bin auch in der Nähe aufgewachsen. Ich habe für ein paar Monate in Südafrika und Australien gelebt. Aber so richtig ich, ich meine, nur ich selbst, das bin ich in Hamburg geworden. Unabhängig, sowohl finanziell, als aber auch vor allem im Kopf. Mein erster Job war in Hamburg, meine erste so wirklich eigene Wohnung. Ich meine eine, die ich mir nicht geteilt habe, eine, die ich mir selbst besorgt habe, eine, die ich selbst bezahlt habe. Nur ich. Krass.

Ja, die Zeit in Hamburg war krass. Die ersten Jahre habe ich in Altona-Altstadt gewohnt, in Agenturen gearbeitet und Nächte auf dem Kiez durchgefeiert. Heftig. Heftig und unglaublich toll!!! Morgens als „Einheimischer“ bei den ersten Sonnenstrahlen über den Fischmarkt zu ziehen: Einfach unbezahlbar!

Egal wo in Hamburg, ob im Duschweg, direkt in der Schanze, Altona-Altstadt oder später in Eimsbüttel: Ich habe immer ums Eck vom Schulterblatt gewohnt. Zusammen mit der Bellaliancestraße meine liebste Ecke in Hamburg. Hier habe ich in einer der kleinsten Bars des Welt mit dem 01:04-Club ordentlich gefeiert. Hier habe ich aber auch das erste Ultraschallbild unserer Tochter mit einem Frühstück gefeiert und auch der allererste Ausflug mit Baby ging wohin? Natürlich in die Schanze.

Ich habe mich mit Freundinnen zum Essen und Trinken in tollen Cafés und Restaurants in Eimsbüttel getroffen, bin total gerne mit dem Kinderwagen über den Eppendorfer Weg gebummelt, schön mit einem Cappucino auf der Hand von meinem Stammitaliener. Der Park am Weiher war Ziel für Kaffee- und Kuchenausflüge, Enten füttern, Spielplatzbesuche. Der Weiher selbst eines Tages Ziel meiner Tochter, die mit ihrem Fahrrad genau reinbretterte. Übrigens hatte sie vorher die Wand aus Brennesseln auch noch gleich mitgenommen.

Ja, an Hamburg hängen unheimlich viele kleine und große Erinnerungen. In Hamburg habe ich geheiratet, meine zwei Kinder zur Welt gebracht und ja, ich habe lange geglaubt, hier, in meiner selbstgewählten Heimat werde ich auch wohnen bleiben.

Nun wohnen wir seit gut 1,5 Jahren in Münster. Unser beider Herkunftsstadt. Dieses Heimatgefühl, das verbinde ich mit Münster nach wie vor nicht. Vielleicht kommt das irgendwann mal wieder. Mittlerweile halte ich das sogar für nicht ganz unwahrscheinlich, denn jetzt bei meinem letzten Hamburg Besuch ist auf einmal etwas passiert: Es tat nicht mehr so weh!

Das Heimweh nach Hamburg hat mich lange geplagt. Ich habe auch drüber geschrieben Weil mir manchmal so ein Kloß im Hals sitzt, den man Vermissen nennt.Im neuen Haus in Münster und dann am schlimmsten, wenn ich in Hamburg war. Oft habe ich im Zug geweint, wenn ich wieder zurückfahren musste nach Münster. Ich habe die Besuche eingeschränkt. Konnte das Gefühl, in Münster immer wieder neu ankommen zu müssen, nur schwer aushalten. Habe in Hamburg all die schönen Erinnerungen gesehen, wenn ich da war. Habe mich sofort zuhause gefühlt, vielmehr als in Münster.

Und diesmal? Diesmal war es irgendwie anders. Ich habe all die Erinnerungen noch genauso gesehen wie sonst auch. Aber ich konnte sie rein so bewerten wie sie sind: Als schöne Erinnerungen. Ich und auch wir als Familie hatten 12 wunderbare Jahre in Hamburg. Meine ersten Jahre, die erstem im eigenen Job, das Großstadtleben, das war alles ganz genau das Richtige. Genau das brauchte ich nach dem Studium in Münster. Raus in die Welt. Raus aus der kleinen Stadt, rein ins weltoffene Hamburg, welches allein von seiner Bevölkerungsstruktur so viel vielschichtiger ist als das beschauliche Münster. Auch uns als junge Familie hat Hamburg gutgetan. Das Elternsein hatte die Spielplatzseiten, aber auch die, abends noch in Straßencafés zu sitzen – mit und ohne Kinder. Tage am Elbstrand und im Park. Ja, unsere Zeit in Hamburg war toll.

Jetzt, jetzt ist eine andere Zeit. Die, die ich mir zum Ende in Hamburg oft herbeigesehnt habe, nämlich die räumlich freiere. Ein Haus, in dem es keinen Nachbarn stört, wenn die Kinder wieder laut sind und hin- und herrennen. Einen eigenen Garten, für den ich nicht erstmal die Tasche packen muss wie für die Elbe und den Park. Ein Umfeld so nah an der Natur und mit so wenig Straßenverkehr, dass ich selbst meinen noch 3-Jährigen mit seiner 6-jährigen Schwester alleine „auf der Straße“ und auf dem Feld spielen lassen kann.

Ob das Häuschen mit Garten jetzt mein Traum bis in die Ewigkeit ist? Nein. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass alles im Leben eine Phase ist. Und so wie ich mich verändere, sich auch meine Umwelt anpassen kann. Natürlich nur, wenn ich es zulasse. Wenn ich nicht zu sehr an gewohnten Strukturen hänge, wenn ich offen bin für das, was um mich herum ist.

Alle Phasen in meinem Leben waren bisher gut. Ich bin sehr frei auf dem Land groß geworden. War ein „Ponymädchen“. Ob ich genau dort heute noch wohnen möchte? Nein.
Ich habe in Münster studiert, im Kreuzviertel gewohnt. Die Studienzeit war super, der Wohnort ideal. Ich liebe das Viertel. Bin nach wie vor wirklich gerne dort. Ob ich da gerade hinziehen möchte? Nein. Dafür genieße ich die Freiheiten bei uns etwas außerhalb zu sehr.
Zeit im Ausland zu verbringen war toll und ja, es zieht mich ja auch immer wieder ins Ausland. Ob wir davon träumen auszuwandern? Nein, ich glaube, momentan hängen wir viel zu sehr an Familie und Freunden.

Und meine Zeit in Hamburg? Die war einfach richtig toll! Hamburg ist und bleibt meine absolute Lieblingsstadt. Meine Herzheimat. Altona, die Schanze, Ottensen und Eimsbüttel ganz genau mein Kiez. Ob ich dorthin gerade wieder zurück möchte? Auf keinen Fall. Und das wurde mir bei diesem letzten Besuch total klar.

So sehr ich das Leben in Hamburg liebe, momentan ist nicht die Phase in meinem Leben, in der ich das Leben mit unserer vierköpfigen Familie in den Ecken, in denen wir gelebt haben, zurückhaben möchte. Nein.

Alles hat eine Phase im Leben. Aktuell heißt unsere „Häuschen mit Garten“. Ob wir irgendwann mal auswandern? Ich weiß es nicht. Ob wir irgendwann nach Hamburg zurück gehen? Ich weiß es auch nicht. Aber ich könnte es mir vorstellen. Vielleicht so wie die ersten 8 Jahre in Hamburg waren: In Altona oder Eimsbüttel, in einer Altbauwohnung mit Balkon und langen Abenden in Straßencafés – nur wir zwei.


* Mit Sternchen gekennzeichnete Links sind Affiliate/Provisions-Links (zB für Amazon): Falls ihr über diesen Link etwas kauft, bekomme ich eine Provision. Für euch ist der Preis natürlich gleich!

2 Gedanken zu “Die Zeit heilt alle Wunden oder alles eine Phase im Leben”

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen! ❤️
    DEIN Hamburg ist für mich MEIN MÜNCHEN. Dort bin ich zu dem geworden was mich auszeichnet und auf was ich mich als bisherige Lebenserfahrung stütze… dann ging es für uns als kleine Familie zurück in die Heimat und auch wir sind im eigenen Häuschen angekommen und genießen dieses Leben.
    Aber diese wunderbaren Erinnerungen an all die aufregenden Erlebnisse sind das was wir mit München verbinden, was immer in unserem Herzen bleiben wird und natürlich rückblickend betrachtet auch wahnsinnig spannend und wild war – im Vergleich zum aktuellen Familienleben, was auch eine einzigartige Zeit ist und man vielleicht genau dieser ebenso wehmütig nachhängt.
    Aber im Herz trägt man alle Erfahrungen mit sich – das ist was zählt!!! ❤️
    Liebe Grüße und weiter so – ich finde mich immer wieder!

  2. Danke für deinen wunderschönen Artikel. Mir geht es genau so mit meiner Herzensstadt Berlin. Danke, dass du so wunderbare und wahre Worte gefunden hast… alles hat seine Zeit und gerade jetzt genießen auch wir das Haus im Grünen mit viel Natur und Platz für unsere drei Sonnenscheine.

Schreibe einen Kommentar