Das erste Kennenlernen unserer beiden und der Beginn von einem ganz großen Projekt: wir sind nun Eltern von zwei Kindern. Vorab: unsere Kinder verstehen sich wirklich sehr gut. Es gab bislang keinerlei Eifersüchteleien. Der Start in das Leben zu viert war durch die Elternzeit meines Mannes sehr sanft für unsere Tochter. Ein erstes Fazit dazu findet ihr im Artikel Zu viert – wie ist das eigentlich wenn einen Geschwisterkind kommt.  

Wir machen die zehn voll und damit meine ich die 10 Monate unserer Sohnes, unseres zweiten Kindes. Ich könnte aber auch die 10 Jahre meinen, denn ich glaube um die sind wir zwei Eltern in den letzten zehn Monaten gealtert. Anders kann ich mir die Aussage meiner Schwester beim letzten Facetimetelefonat nicht erklären: „Sieht aus wie bei Blair Witch Project“. Die Dunkelheit konnte nämlich nicht die ungeschminkte Wahrheit, mit Augenringen bis nach Meppen und abends auf dem Sofa nicht mal mehr ’nen BH an, verbergen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt gerade übrigens im Urlaub. Obgleich man Urlaub im Selbstversorgerhaus in  Dänemark mit zwei kleinen Kindern wirklich nicht als solchen bezeichnen kann – aber dazu mehr an anderer Stelle.

Jetzt liegt ja die Vermutung nahe, dass wir zwei unheimlich anstrengende Kinder haben. So ein Schreikind (oder was auch immer der Volksmund so bezeichnet) und einen TrotzTyrannen. Ok, bei Lütti bin ich mir bei letzter Aussage manchmal nicht GANZ sicher, bei Baby CJ kann ich das aber auf jeden Fall verneinen. Was macht also die explosive Mischung aus? Woran liegt es, dass wir beiden ehemals lockeren und lässigen Supereltern mit zwei Jobs, einem Kind, Freunden, Partys (wenn auch nicht mehr GANZ so viele), unzähligen Reisen (inklusive Städtereisen mit Besichtigungen!), sportlichen (im angemessenen Rahmen), schlanken (ebenfalls im angemessenen Rahmen) und gepflegten (doch, duschen auch jetzt noch, nur nicht mehr so häufig) zu solchen Wracks geworden sind? Etwa am zweiten Kind?

NEIN! die Antwort ist ganz klar NEIN! Es liegt an uns und dem Lauf der Zeit. Da wir letzteres nicht beeinflussen können, möchte ich damit beginnen, denn das räumt schon mal auf mit dem Gedanken, hier läge auch nur irgendwas an unserem Baby im Besonderen. Unsere dreijährige Tochter ist nämlich kein handliches Baby mehr, welches man überall mit herumtragen kann. Sowas machte nämlich unsere Städtetrips möglich. Lütti als einziges Baby einfach in die Trage. War kein Ding. Auch ist sie nun über zwei Jahre, sprich wir zahlen den vollen Flugpreis für sie – schließt also einige unserer vielen Reisen aus. So voll ist das Portemonnaie nämlich nicht. Auch ist das Treffen mit Freunden SEHR viele einfacher, wenn man ein Baby oder Kleinkind dabei hat, dem der Radius rund um den Tisch genügt und welches sich nicht voll artikulieren kann. Das Kind verbringt seine Freizeit am liebsten mit Klettern draußen, lieber als mit nem Haufen schnöder Erwachsener an einem Tisch, wo man von Schoss zu Schoss ziehen kann. Das Kind möchte jetzt eben auch sein eigenes Programm und das ist nicht das der Erwachsenen.

Und dann wurden aus einem einfach zwei Kinder. An dieser Stelle übrigens mal der Hinweis, dass ich nicht der Meinung bin, dass dies der 1,5-fache Aufwand, sondern sehr wohl der doppelte. Und somit ist, wenn die Familie zusammen ist, meist der eine mit dem einen Kind und der andere mit dem anderen Kind beschäftigt. Die Nächte sind kurz – kennt fast jeder mit Baby, egal das wievielte es ist – und auch jeder mit Kleinkind weiß, wie oft nachts nach was zu trinken verlangt wird, nochmal schnell aufs Klo oder einfach ein böser Traum da ist. Paart sich nur eben gerade beides und darum ist es eine ganze Menge. Was also anders machen?

Ich bin mir sicher das zwei Dinge Eltern unheimlich helfen können:

  1. Das schlechte Gewissen ablegen
  2. Sich um sich selbst sorgen

Zum ersten Punkt meine ich an erster Stelle das schlechte Gewissen gegenüber Kind Nr. 1 ablegen. Genau das haben wir leider ziemlich beschissen gemacht. Sprich wir haben Lütti in den letzten zehn Monaten kaum abgegeben. Warum nicht? Weil uns das schlechte Gewissen gesagt hat, wir würden sie hier ausschließen. Ausschließen von der neuen Familienkonstellation. Frei nach dem Motto: sie ist hier nicht mehr das Baby, da gäbe es jetzt ein Neues.

Ich glaube das ist völliger Unsinn! Fakt ist nämlich, sie IST nicht mehr das Baby und ja, da gibt es jetzt ein Neues. Hört sich hart an? Ja, für uns. Für uns Erwachsene, die ach was auch immer rein interpretieren in unsere Kinder. Lütti ist eine stolze große Schwester und in ihrer Rolle auch sehr stolz auf eben die Tatsache, dass es da jetzt ein Baby gibt und sie die Große ist. Sie findet es ziemlich cool, dass das Baby nicht alles darf, nicht überall hin mit kann und sie wird auch nicht müde das Baby darauf hinzuweisen. Und klar, sie muss auch Rücksicht nehmen. Mehr Rücksicht musste hier aber die letzten Monate das Baby auf die große Schwester nehmen. So wird der Mittagschlaf unterbrochen, weil die große Schwester abgeholt wird, nachmittags wieder irgendwo hingefahren, weil die große Schwester verabredet ist und so weiter. Dafür kriegt die Große öfter ab, wenn es hier nicht läuft. Die Geduld von uns Eltern ist endlich, wir fahren schneller aus der Haut und ich würde mich selber öfter mal als die Motzkuh bezeichnen.

Warum also Kind Nr. 1 nicht öfter bei der Freundin übernachten lassen, bei der Tante oder mal den Nachmittag mit den Großeltern oder dem heißgeliebten Babysitter verbringen lassen? Lütti machte all diese Dinge vor Kind Nr. 2 unheimlich gerne. Jetzt auch noch. Wir müssen also nur mal unser schlechtes Gewissen ablegen und Gedanken wie „das würde Kind 1 schaden“ ablegen. Kind 1 schadet nämlich sehr viel mehr, wenn hier miese Stimmung ist.

Aber dann haben wir ja immer noch ein Kind hier? Antwort: ja, einfach um sich selber kümmern. Babys macht es meist nämlich überhaupt nichts, wenn sie überall hin mitgeschleppt werden. Ihnen reicht zumeist die Nähe zu Mama oder Papa. Essen gehen, Wellness, mal ne Nacht im Hotel? Könnte man das Baby ja einfach mitnehmen und es aber auch mitlaufen lassen. Sprich Fokus nicht nur auf das Baby, sondern das Baby integrieren, sich aber selbst was Gutes tuen. Warum ich jetzt nicht sage das Baby auch abgeben? Wäre für mich nicht die entspannte Alternative gewesen, wer aber Verwandte oder Freunde hat, wo man das machen kann – noch besser. Muss man eben nur organisieren.

Weiterer Punkt zum schlechten Gewissen ablegen: Freunde oder Verwandte dürfen durchaus mit ins Boot genommen werden. Es hat bei mir sieben Monate gedauert, bis ich Freunde mit in dieses Boot geholt habe, und acht bis ich meine Familie verhaftet habe. Viel zu lange? Warum? Schlechtes Gewissen. Musste ich erst lernen abzulegen und auch mal für mich selbst zu sorgen. Ich darf nämlich sehr wohl meine Freundin fragen, ob Lütti da am Wochenende schlafen kann. Eine Mutter aus dem Kindergarten ansprechen, ob sie Lütti mal einen Nachmittag mitnehmen kann oder meinen Vater bitten ausschließlich für die Kinder nach Hamburg zu kommen. Und ich darf mein schlechtes Gewissen gegenüber Verwandten ablegen, die hier nur zum eigenen Vergnügen hinkommen. Die zum Beispiel gerne noch zwei bis drei Mahlzeiten am Tag serviert bekommen und ein kleines Sightseeing Programm. Solche Besuche absagen – konsequent – oder unter eigenen Bedingungen zulassen.

Und unterm Strich komm ich oder was? Nein, so soll das hier weiß Gottt nicht gemeint sein, wir lieben unsere Kinder über alles und am schönsten ist es, wenn wir Zeit zu viert verbringen und am allerschönsten ist es, wenn wir Eltern dabei entspannt sind und die nötige Ruhe für uns und unser Kinder aufbringen.