Wie wichtig sind heute eigentlich noch Großeltern und wie gestaltet sich die Beziehung von Enkeln, Omas und Opas, wenn diese hunderte von Kilometer entfernt wohnen? Es gibt viele Familien, da sind Oma und Opa feste Bestandteile des Familienalltags. Weil sie Teile der Betreuung der Enkelkinder übernehmen, auch mal am Wochenende einspringen können oder wenn die Eltern arbeiten oder dienstlich unterwegs sind. Die Großeltern sind feste Bezugspersonen und als solche auch fest eingeplant in das Konstrukt Familie. Das ist bei uns anders. Uns und die Großeltern trennen knapp 300 Kilometer. Trotzdem haben wir das Glück, das Flying Opa auch hier häufiger mal einspringt, wenn Not am Mann ist. Zwar nicht so oft, wie bei seinen Enkeln um die Ecke (dort ist er dann wirklich wöchentlicher Bestandteil der Betreuungsplanung), aber doch regelmässig.

Kürzlich war er wieder für ein paar Tage bei uns und ich muss sagen: Für unsere Kinder ist das wichtig! Und für unsere Kinder ist das auch richtig. Genau richtig, wie Opa mit Ihnen umgeht.

Opa macht dabei eigentlich alles anders als wir. Sein Babyenkel muss in Opas Anwesenheit eigentlich nie über Tag in seinem Bett schlafen. Opa schiebt halt gerne mit ihm rum und Enkelchen lässt sich verdammt gerne schieben (SEHR viel lieber als im verhassten Kinderbett zu schlafen) und so drehen die beiden stundenlang ihre Runden wenn Opa da ist. Opa kauft in der Zeit auch gerne ein und fragt auch mal, ob wir noch was Bestimmtes brauchen. Bio ist dabei für ihn ein Fremdwort. Vielmehr führt dieser von ihm so bezeichnete „Trend“ zu absolutem Unverständnis. Nach solchen Einkaufsrunden lernen wir neue Aufschnittformen wie Leberwurst aus der Dose oder Corned Beef kennen (Kriegsgeneration at it’s best?). Auch an die jüngeren Familienmitglieder wird gedacht und so wird des nachmittags ein halbes Kilo eingeschweißter Marzipan-Mohn-Kuchen aufgeschnitten. Bei Corned Beef und Kastenkuchen sitzt Lütti dann glücklich auf Opas Schoß und darf Geschichten lauschen wie „Als einzigen Käse hatten wir früher Harzer, weil der so günstig war.“ Ideen von mir, z.B. weitestgehend auf Fleisch zu verzichten, wirkt Opa mit Erzählungen aus meiner Kindheit entgegen „Deine Mama hat ja auch immer auf meinem Schoß gesessen und dann immer Mettenden gegessen – auch morgens schon!“

Bei Opa lässt sich Lütti bereits des Nachmittags sechs Geschichten hintereinander vorlesen, um dann abends beim ins Bett gehen nochmal richtig auszuholen. Der Babyjunge wird Großteile des Tages getragen und Opa hat auch immer noch ’ne Kleinigkeit zu knabbern dabei; und wenn gerade nicht, darf CJ beim Einkaufen mal ’nen ganzen Prospekt auseinander nehmen – Papier ist ja sein Lieblingsspielzeug. Und Lieblingsmahlzeit…
Wenn Lütti ruft, kommt Opa, und wenn sie abends nicht ins Bett will, setzt sich Opa daneben.

Ja, Opa macht vieles anders als wir und Opa macht vor allem eins: alles mit Ruhe. Opa hat Zeit, Opa hetzt nicht. Vor allem unsere Tochter genießt dies ungemein. Schon Tage vorher gibt’s bei ihr keinen anderes Thema als „Opa, Opa, Opa!“ Der muss sie vom Kindergarten abholen, ins Bett bringen, bei ihr im Zimmer schlafen und am besten tauchen ihre Eltern dabei gar nicht auf der Bildfläche auf, die sind nämlich nicht erwünscht.

Opa ist nicht so streng wie wir und Opa ist nicht so streng wie er es mit seinen Kindern war. Opa hat Lebenserfahrung, Opa hat fünf eigene Töchter und mittlerweile acht Enkel. Opa bringt in Kinderthemen nichts besonders schnell aus der Ruhe. Auch ist Opa der bisher einzige, dem wir bei jedem seiner Besuche beide Kinder des Abends zu Hause gelassen haben. Opa macht das nämlich nicht nervös. Auch da ist er anders als wir. Ich denke, er hört die Hälfte meiner Erklärungen mal wieder nicht, weil er seine Hörgeräte mal wieder nicht trägt. Denke, hoffentlich kriegt er das hin. Was ist, wenn Lütti wieder gar nicht einschlafen kann und tausendmal auf der Matte steht. Was ist, wenn CJ aufwacht und weint? Opa interessieren Erklärungen zu Fläschchen oder den wichtigen Sssccchh-Sssccch-Lauten und ähnlichem recht wenig. Was ihn interessiert ist, wie der Fernseher funktioniert und dabei vor allem die Lautstärke-Taste. Während ich bei jedem kleinsten Aufmucken von den Kindern des Nachts an ihren Betten stehe, bin ich mir bei Lautstärke 12 am Fernseher sicher, dass er erstmal sonst nichts hört.

Aber Opa kriegt das mal wieder hin. Beruhigt Lütti, die doch wieder aufsteht, nachdem wir aus der Tür sind. Tröstest sie, als sie sich den Kopf am Bett anstößt. Beruhigt Baby CJ, der schon eine dreiviertel Stunde später wieder wach ist. Kriegt ihn sogar wieder zum Einschlafen und als er eine Stunde später wieder aufwacht und weint, nimmt Opa ihn einfach raus und trägt ihn. Trägt ihn bis wir wieder nach Hause kommen. Nicht einen Gedanken daran verschwendend uns anzurufen und nach Hause zu holen. Und wenn ich da so nach Hause komme und sehe meinen Vater meinen Sohn über den Flur tragen, da bin ich ganz glücklich. Froh, dass ich meine Kinder und meine Eltern habe und froh, dass meine Kinder meine Eltern haben.

Als wir dann alle gemeinsam noch auf dem Sofa sitzen, mit einem jauchzenden Baby in der Mitte, sagt mein Vater einen Satz, der mich überhaupt zu diesem Artikel gebracht hat:
„Mit meinen Enkelkinder fühlt es sich für mich an, als wären es meine eigenen Kinder.“

Und ich glaube, genau das ist der Schlüssel. Der Opa liebt unsere Kinder wie seine eigenen und das zu spüren, schafft Vertrauen und eine feste Vertrauensperson neben den Eltern. Bio und Bonbons gehen also auch nebeneinander.