Ein neues Kapitel aus #lebenemitkindern #lebenamlimt. Als wir noch keine Kinder hatten, sagte Nr. 4 der Thronfolge immer, dass er sich daneben schmeißt, wenn sein Kind sich im Supermarkt heulend auf den Boden neben den Süßigkeiten an der Kasse wirft. Hätte er dieses die Tage getan, wäre ich glaube ich handgreiflich geworden und hätte somit zumindest ein Ventil für meine Aggressionen gehabt.
Leute, die keine Kinder haben, werden schockiert sein, Eltern mich wahrscheinlich verstehen: Leben mit Kindern heißt vor allen Dingen seine Aggressionen im Zaum zu halten. Selten in meinem vorherigen Leben hätte ich so Lust gehabt einfach mal auszuflippen, sorry auszurasten, rumzuschreien, jemanden anzuschreien, jemanden mal zu packen und zu schütteln und zu sagen: Sorry, ABER DAS GEHT SO NICHT!!!!! STOPP!!!!!

Und noch nie im meinem vorherigen Leben habe ich mich so ohnmächtig gefühlt, hilflos sozusagen. Denn ich flippe nicht aus (meistens zumindest), auch Ausrasten im eigentlichen Sinne ist eher selten, Rumschreien ok, manchmal, Anschreien aber nicht und auch Packen und Schütteln gehört hier nicht zur Erziehung. Das hat zur Folge, dass Elternschaft hier in manchen Teilen eine Form des Aushaltens ist. Und Ertragens. Kürzlich hatte ich dann den Fall: Süßigkeiten an der Kasse.

Es hat mit einer ganz einfachen Frage angefangen: „Darf ich etwas Süßes von der Kasse?“ „Nein, ich habe sogar schon was Süßes eingepackt, aber ich möchte nicht, dass du regelmäßig was an der Kasse nimmst.“ „Warum nicht?“ Etwaige Erklärungsversuche, dass die böse Süßwarenindustrie es ganz genau auf kleine Kinder abgesehen hat, scheitern.
Also Worten Bilder folgen lassen und mit der Haribo Tüte vor der Nase umherwedeln, die ich schon in der Süßwarenabteilung eingepackt habe. Fehlanzeige. „Ich möchte das nicht! Ich möchte was von der Kasse!“

Ok, alle Erklärungen in Wort- und Bildsprache sind also gescheitert. Ich bezahle, verstaue die Einkäufe und das Baby im Kinderwagen und versuche danach meine 3-jährige Tochter aus dem Kassenbereich zu holen. Die liegt bereits am Boden und krallt sich mit den Fingern in das einem Laster nachgeahmte Einkaufsgefährt für Kinder. Ich versuche dieses (wer schon mal versucht hat das zu steuern, weiß, dass ich mir so den Job der 20-Einkaufswagen-auf-einmal-schieben-vor-Ikea-Männer vorstelle) irgendwie aus dem Kassenbereich zu kriegen und meine Tochter dabei von dem Ding abzupflücken. Unmöglich. Wenn sich ein Kind zum nassen Sack macht, kriegt man es kaum hoch. Experten wissen, wovon ich spreche.

Ok, Taktik ändern. Es nutzt ja nichts. Komplett nachgeben will ich nicht, ich habe ja auch Erziehungsgrundsätze (auch wenn die immer weiter schmilzen). „Komm, wir suchen uns hier was Schönes vom Bäcker aus.“ Mittlerweile liegt meine Tochter hinter der Kasse, im Eingangsbereich des Supermarktes, gegenüber der Bäckereitheke. Fast versteckt, wäre da nicht das ohrenbetäubende Geheul „Ich WILL was Süßes von der Kasse!!!“ Ok, das mit dem Gebäck stößt auf taube Ohren. Ehrlich gesagt würde ich mich bei dem Geheule auch nicht verstehen.

Wiederholte Planänderung. Mit Engelszungen auf das Kind einreden. Bringt nix. Auch bei Lütti Planänderung. Wer vorher schon dachte „Oh Mann, die hat das Kind auch echt nicht im Griff“, der denkt wohl jetzt „Jugendamt!“ Meine Tochter hat einen teuflischen Plan und ebendiesen trägt sie auch genauso teuflisch vor „Ok, Mama, dann KLAU ich mir eben was!!!“ Oha. Mittlerweile spricht mich eine ältere Dame an, selbst wohl mit ihren zwei Enkelkindern unterwegs, fragt nach dem Altersabstand meiner beiden Kinder, wünscht mir Geduld und dass es bald besser wird. Sehr schön. Mitleid im öffentlichen Raum.

Lütti brüllt weiter. Ich versuche es mit der Exitstrategie und verlasse den Supermarkt durch den Hinterausgang. Meist hilft es irgendwie das Kind zum gehen zu bewegen, wenn ich außer Sichtweite bin. Ja, da habe ich die Rechnung aber ohne sie gemacht. Zwar stürmt sie mir hinterher aus dem Supermarkt, nicht aber ohne jetzt auch noch handgreiflich zu werden. Das Ganze spielt sich vor einem gefüllten Pausenschulhof ab, welcher an den Parkplatz am Hinterausgang anschließt. Die Kinder sind vorsichtig gesagt schockiert. Ich glaube es gibt Gründe, warum die Erinnerung bei Kindern erst später einsetzt. An solche Situationen will man sich später nicht erinnern – ich mich am liebsten auch nicht.

Da Gewalt ja keine Lösung ist – erkläre ich selbstverständlich auch meiner 3-jährigen – versuche ich es mit Versuchen wie „Komm, lass uns doch wieder vertragen.“ Nix. „ICCCHHHH WILLLL WASSS SÜSSSSSES VON DER KAAAASSSSE!!!“ Falls ich das bis jetzt nicht verstanden haben sollte, ist nun klar, was sie will. Ich versuche es wieder mit der Exitstrategie. Fehlanzeige auf einem weiten Parkplatz. Sie sieht mich ja. Bleibt also stehen und brüllt noch lauter. Komme ich auf sie zu läuft sie weg. Läuft hier also – nicht. Was nun? Ehrlich gesagt erwische ich mich teilweise beim fast irren Lachen. Anders ist diese Situation wohl auch nicht zu ertragen. Das darf Lütti aber auf keinen Fall sehen, sonst wird’s noch schlimmer. Obwohl: kann es noch schlimmer kommen? Ich denke ernsthaft über Taxi nach. Wie soll ich das Kind jetzt nur nach Hause kriegen.

Last chance: ich verlasse den Parkplatz. Hinter dem Gebüsch kann ich zwar Lütti noch sehen, ich bin aber bei der Szenerie, die sich da abspielt, verschwunden. Lütti wird von zwei Passanten angesprochen, wo ihre Mutter denn sei. Na toll, nicht dass nun auch noch das Jugendamt kommt. Gibt es eigentlich ein Elternamt? Egal. Ich zurück. Ich klemme mir meine Dreijährige unter dem Arm. Manchmal komme ich mir auch vor wie mein Kindheitsidol He-Man. Nach einigen Metern kann ich sie hinten auf den Kinderwagen verfrachten.

Abschließend kann ich nur eins sagen: 35 Cent an der Kasse sind manchmal verdammt gut investiert… Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen und dass die Menschen nicht so oft weinen.