35 Cent für ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne – Kampf den Kassensüßigkeiten

Ein neues Kapitel aus #lebenemitkindern #lebenamlimt. Als wir noch keine Kinder hatten, sagte Nr. 4 der Thronfolge immer, dass er sich daneben schmeißt, wenn sein Kind sich im Supermarkt heulend auf den Boden neben den Süßigkeiten an der Kasse wirft. Hätte er dieses die Tage getan, wäre ich glaube ich handgreiflich geworden und hätte somit zumindest ein Ventil für meine Aggressionen gehabt.
Leute, die keine Kinder haben, werden schockiert sein, Eltern mich wahrscheinlich verstehen: Leben mit Kindern heißt vor allen Dingen seine Aggressionen im Zaum zu halten. Selten in meinem vorherigen Leben hätte ich so Lust gehabt einfach mal auszuflippen, sorry auszurasten, rumzuschreien, jemanden anzuschreien, jemanden mal zu packen und zu schütteln und zu sagen: Sorry, ABER DAS GEHT SO NICHT!!!!! STOPP!!!!!

Und noch nie im meinem vorherigen Leben habe ich mich so ohnmächtig gefühlt, hilflos sozusagen. Denn ich flippe nicht aus (meistens zumindest), auch Ausrasten im eigentlichen Sinne ist eher selten, Rumschreien ok, manchmal, Anschreien aber nicht und auch Packen und Schütteln gehört hier nicht zur Erziehung. Das hat zur Folge, dass Elternschaft hier in manchen Teilen eine Form des Aushaltens ist. Und Ertragens. Kürzlich hatte ich dann den Fall: Süßigkeiten an der Kasse.

Es hat mit einer ganz einfachen Frage angefangen: „Darf ich etwas Süßes von der Kasse?“ „Nein, ich habe sogar schon was Süßes eingepackt, aber ich möchte nicht, dass du regelmäßig was an der Kasse nimmst.“ „Warum nicht?“ Etwaige Erklärungsversuche, dass die böse Süßwarenindustrie es ganz genau auf kleine Kinder abgesehen hat, scheitern.
Also Worten Bilder folgen lassen und mit der Haribo Tüte vor der Nase umherwedeln, die ich schon in der Süßwarenabteilung eingepackt habe. Fehlanzeige. „Ich möchte das nicht! Ich möchte was von der Kasse!“

Ok, alle Erklärungen in Wort- und Bildsprache sind also gescheitert. Ich bezahle, verstaue die Einkäufe und das Baby im Kinderwagen und versuche danach meine 3-jährige Tochter aus dem Kassenbereich zu holen. Die liegt bereits am Boden und krallt sich mit den Fingern in das einem Laster nachgeahmte Einkaufsgefährt für Kinder. Ich versuche dieses (wer schon mal versucht hat das zu steuern, weiß, dass ich mir so den Job der 20-Einkaufswagen-auf-einmal-schieben-vor-Ikea-Männer vorstelle) irgendwie aus dem Kassenbereich zu kriegen und meine Tochter dabei von dem Ding abzupflücken. Unmöglich. Wenn sich ein Kind zum nassen Sack macht, kriegt man es kaum hoch. Experten wissen, wovon ich spreche.

Ok, Taktik ändern. Es nutzt ja nichts. Komplett nachgeben will ich nicht, ich habe ja auch Erziehungsgrundsätze (auch wenn die immer weiter schmilzen). „Komm, wir suchen uns hier was Schönes vom Bäcker aus.“ Mittlerweile liegt meine Tochter hinter der Kasse, im Eingangsbereich des Supermarktes, gegenüber der Bäckereitheke. Fast versteckt, wäre da nicht das ohrenbetäubende Geheul „Ich WILL was Süßes von der Kasse!!!“ Ok, das mit dem Gebäck stößt auf taube Ohren. Ehrlich gesagt würde ich mich bei dem Geheule auch nicht verstehen.

Wiederholte Planänderung. Mit Engelszungen auf das Kind einreden. Bringt nix. Auch bei Lütti Planänderung. Wer vorher schon dachte „Oh Mann, die hat das Kind auch echt nicht im Griff“, der denkt wohl jetzt „Jugendamt!“ Meine Tochter hat einen teuflischen Plan und ebendiesen trägt sie auch genauso teuflisch vor „Ok, Mama, dann KLAU ich mir eben was!!!“ Oha. Mittlerweile spricht mich eine ältere Dame an, selbst wohl mit ihren zwei Enkelkindern unterwegs, fragt nach dem Altersabstand meiner beiden Kinder, wünscht mir Geduld und dass es bald besser wird. Sehr schön. Mitleid im öffentlichen Raum.

Lütti brüllt weiter. Ich versuche es mit der Exitstrategie und verlasse den Supermarkt durch den Hinterausgang. Meist hilft es irgendwie das Kind zum gehen zu bewegen, wenn ich außer Sichtweite bin. Ja, da habe ich die Rechnung aber ohne sie gemacht. Zwar stürmt sie mir hinterher aus dem Supermarkt, nicht aber ohne jetzt auch noch handgreiflich zu werden. Das Ganze spielt sich vor einem gefüllten Pausenschulhof ab, welcher an den Parkplatz am Hinterausgang anschließt. Die Kinder sind vorsichtig gesagt schockiert. Ich glaube es gibt Gründe, warum die Erinnerung bei Kindern erst später einsetzt. An solche Situationen will man sich später nicht erinnern – ich mich am liebsten auch nicht.

Da Gewalt ja keine Lösung ist – erkläre ich selbstverständlich auch meiner 3-jährigen – versuche ich es mit Versuchen wie „Komm, lass uns doch wieder vertragen.“ Nix. „ICCCHHHH WILLLL WASSS SÜSSSSSES VON DER KAAAASSSSE!!!“ Falls ich das bis jetzt nicht verstanden haben sollte, ist nun klar, was sie will. Ich versuche es wieder mit der Exitstrategie. Fehlanzeige auf einem weiten Parkplatz. Sie sieht mich ja. Bleibt also stehen und brüllt noch lauter. Komme ich auf sie zu läuft sie weg. Läuft hier also – nicht. Was nun? Ehrlich gesagt erwische ich mich teilweise beim fast irren Lachen. Anders ist diese Situation wohl auch nicht zu ertragen. Das darf Lütti aber auf keinen Fall sehen, sonst wird’s noch schlimmer. Obwohl: kann es noch schlimmer kommen? Ich denke ernsthaft über Taxi nach. Wie soll ich das Kind jetzt nur nach Hause kriegen.

Last chance: ich verlasse den Parkplatz. Hinter dem Gebüsch kann ich zwar Lütti noch sehen, ich bin aber bei der Szenerie, die sich da abspielt, verschwunden. Lütti wird von zwei Passanten angesprochen, wo ihre Mutter denn sei. Na toll, nicht dass nun auch noch das Jugendamt kommt. Gibt es eigentlich ein Elternamt? Egal. Ich zurück. Ich klemme mir meine Dreijährige unter dem Arm. Manchmal komme ich mir auch vor wie mein Kindheitsidol He-Man. Nach einigen Metern kann ich sie hinten auf den Kinderwagen verfrachten.

Abschließend kann ich nur eins sagen: 35 Cent an der Kasse sind manchmal verdammt gut investiert… Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen und dass die Menschen nicht so oft weinen.


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9 Gedanken zu “35 Cent für ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne – Kampf den Kassensüßigkeiten”

  1. Hallo Sarah,
    same here! Mein Großer ist drei und auch ich kenne diese Kämpfe nur zu gut. Ich nehme mir vor dem Einkauf zwar vor, mich von dem Drama nicht beeindrucken zu lassen, aber unter den Blicken der anderen Kunden an der Kasse würde ich mich gerne in Luft auflösen. Ich hasse es, mich so begutachtet zu fühlen, „was macht sie wohl als nächstes? So kann das ja nicht klappen“
    Im Job immer souverän reagieren und eigene Pläne gekonnt umsetzen und Zuhause bringt mich ein Kleinkind so schnell an meine persönlichen Grenzen und ich weiß manchmal einfach nicht weiter. Kinder sind kleine Anarchisten, mit Erwachsenlogik kommt man da oft nicht weiter. Meistens helfen bei uns dann Rollenspiele, nicht mehr Mama und Sohn sein, sondern zwei Tiere oder Personen aus Kinderbüchern.
    Irgendwann wird es besser, das hoffe ich auch und bis dahin tröstet es mich irgendwie ein bisschen, das es anderen Eltern genauso geht!
    Liebe Grüße, Jana

  2. Hach Sarah, ich hab herzlich gelacht :D

    Du schreibst so schön. Bildlich. Verzweifelt. Als sei ich live dabei.
    Mit Abstand ist das schon echt komisch … doch ein Auge zuckt noch, denn mir wird mein Lachen auch noch vergehen. Dann wenn mein kleines Wutmonster mal soweit ist. Bis dahin lass mich noch an meiner – niemalsmitkindeinkaufen Strategie – festhalten.

    Für dich aber jetzt schon mal ganz viel PEACE und Ooommmmmm und „alles ist nur eine Phase“ Mütter Mantra.

  3. Sarah, ich dachte beim lesen Du sprichst von uns. Denn wirklich haargenau so läuft es hier auch immer ab. Schreien, auf den Boden werfen, lauter schreien, evtl.noch etwas durch die Gegend werfen…Das volle Programm. Allerdings muss ich zur Verteidigung unserer Tochter sagen, dass es schon viiiel besser geworden ist. Je näher sie der Vier kommt, umso besser wird es…zumindest unterwegs. Zuhause ist nochmal ein anderes Thema:O

  4. Liebe Sarah,
    dieses Gedulds-Spiel habe ich Gott sei Dank hinter mir. Und dass ich von seinem Vater getrennt lebe, machte die Sache auch nicht wirklich leichter. „Aber beim Papa darf ich…“
    Mein Sohn ist jetzt vier Jahre alt, und akzeptiert mittlerweile ein ausdrückliches und bestimmtes „Nein“. Und dann kommt meist noch der Verweis darauf, dass er sich ja eh schon einen Joghurt aussuchen durfte ;)
    Toi, toi, toi, das wird schon ;)

  5. Liebe Sarah,
    wie immer großartig geschrieben!
    Es macht richtig freude deine Texte zu lesen, lacher GARANTIERT!
    Liebste Grüße
    Kasper ( der hoffentlich niemals so groß wird, dass er an der Kasse ausflippen kann ) & Katharina

  6. Hallo miteinander :)
    Ja, der Artikel ist gut geschrieben, denn er liest sich sicher lustig. In unserem Kopf spielt sie sich sehr anschaulich ab, diese Tragikomödie. Aber er macht auch wütend und er polarisiert.
    Denn als Pädagogin dachte ich vor allem eins: Das ist so typisch, das ist Sinnbild der heutigen Erziehung!
    Dramen wie diese gibt es zu Hauf – sei es im Supermarkt, sei es im heimischen Badezimmer, wenn die Haare gewaschen werden sollen, sei es, weil das Kinderzimmer aufgeräumt werden soll …. Diese Liste ließe sich endlos weiterführen.

    Als Antwort auf die Frage, warum das dreijährige Kind keine Süßigkeiten an der Kasse darf, wird geredet, erklärt und verhandelt. Ellenlang und in Endlosschleife. Wie anstrengend das ist, liest man wunderbar in Ihrem Artikel.
    Was ist eigentlich der Lernertrag dieser Situation? Sie als Elternteil haben gelernt, Ihre Aggressionen, welche zu Recht in Ihnen aufsteigen (ich wäre schon dreimal explodiert…), im Zaum zu halten.

    Partner: Wie gesagt, ein dreijähriges Kind. Worte, Worte, Worte.
    Zum Einen ist dieses Kind viel zu klein, um etwaige Erklärungen zu verstehen, anzunehmen und zu begreifen, um anschließend mithilfe der Vernunft zur Einsicht zu gelangen. Gar der Versuch, einem solch kleinen Kind die Strategien der bösen Süßwarenindustrie, welche es auf kleine Kinder abgesehen hat, ist doch von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Hat so etwas je bei Ihnen geklappt? Warum überhaupt holen Sie so lang und weit aus? Liefern wie tausende andere Eltern endlose Erklärungen, die das Kind völlig zu Recht verwirren und überfordern?
    In Deutschland hat sich eine Diskussionskultur etabliert, die wir mit unseren Kindern leben.
    Dadurch lernen Kinder vor allem: Wenn ich diskutiere, kann ich meine Interessen doch noch oder wenigstens zum Teil durchsetzen.
    Warum diskutieren, verhandeln?
    Ja, Sie möchten Ihrem Kind sicher etwas beibringen über die Strategie der Süßwarenindustrie und ihm begreiflich machen, dass es nicht Opfer dessen werden darf. Aber Sie versuchen hier, ihm die Perspektive einer fremden, abstrakten Sache zu vermitteln. Und das Kind ist viel zu klein, um sich in andere Perspektiven hineinversetzen zu können und auch, um diese Erklärungen auf der Vernunftebene annehmen zu können.
    Und wenn Sie es noch so kingerecht verpacken!
    Auch Ihre Perspektive kann es in dem Alter noch schwer nachempfinden und Sie stehen als Mutter vor ihm.
    Fördern können Sie diese Fähigkeit, wenn Sie dabei bleiben, dass Sie es einfach nicht MÖCHTEN, dass Ihr Kind Süßigkeiten an der Kasse bekommt.
    Sie sagen es doch am Anfang dieser ganzen Misere. SIE MÖCHTEN DAS NICHT. Und was Sie möchten, das zählt auch. Das ist wichtig und Ihr Kind muss das lernen. Es muss sich dann eben anpassen an das, was Sie möchten. Fertig.
    Fügen Sie meinetwegen noch die Erklärung bei, dass Süßigkeiten ungesund sind – wenn es Ihr Gewissen beruhigt und bieten Sie Ihrem Kind die Option, sich statt dessen ein Brötchen beim Bäcker aussuchen zu dürfen, wenn Sie ihm entgegen kommen wollen. Aber belassen Sie es dabei, weichen Sie nicht ab, bleiben Sie standfest. Was folgt, muss man dann ein-oder zweimal aushalten (beim nächsten Einkauf garantiert nicht mehr in dem Ausmaß) und ja, wenn das Kind dann ausflippt und aus dem Rahmen läuft, wäre es sicher gut, es notfalls nach Hause zu tragen.
    Wichtig ist meiner Ansicht nach nur eines. Es wird NICHT weiter geredet, weiter erklärt, weiter verhandelt. Es ist so, wie es ist und ihr Kind muss lernen, damit klar zu kommen.
    Damit hätten Sie eine Grenze gezogen und Ihrem Kind einen überschauberen Rahmen abgesteckt, in dem es sich bewegen darf („Brötchen vom Bäcker“). Das macht seine Welt auf Dauer kleiner und übersichtlicher („ich weiß, was ich darf und was nicht“). Und alles andere ist überfordernd – unsere Welt ist groß, manchmal widersprüchlich, verwirrend, unüberschaubar.
    Und damit wäre auch der Lernertrag hoch, aber nicht für SIE, sondern für Ihr KIND.
    Es hätte gelernt, die Bedürfnisse anderer zu achten und sich anzupassen.
    Es hätte auch gelernt, dass seine Mama auf es achtet und weiß, was richtig und gut für es ist – ihm einen Rahmen steckt.
    Es hätte gelernt, dass Sie ihm zeigen, wo es lang geht.
    Nicht, weil Sie etwas Besseres sind und ihm etwas Böses wollen, sondern weil Sie der natürlichen Hierarchie nach seine Mutter sind und dem Kind, ohne es zu überfordern, sagen müssen, wo es im Leben lang geht.
    Aus Liebe.

  7. Ich bins nochmal. Gerade habe ich wahrscheinlich viel zu lang ausgeholt…..:/
    Ich will mich jetzt hier auch nicht so besserwisserisch darstellen. ;)
    Ich kenne das Problem selbst als Mutter ja auch.
    Als meine Tochter in dem Alter war, habe ich sie einfach in den Wagen gepackt und von vorneherein klar gemacht, dass es keine Süßigkeiten gibt. Sie darf sich seitdem eine Sache aussuchen, aber Süßigkeiten gibt es pauschal nicht und wenn dann nur im Ausnaheefall als Belohnung, wenn sie irgend etwas gut gemacht hat.
    Auch wenn ich in anderen Bereichen sicher oftmals versagt habe, ;) hier bin bin ich schon immer eine klare Schiene gefahren. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Einkaufen läuft bei uns für alle Beteiligten stressfrei ab.
    Kopf hoch und hart bleiben!
    Liebe Grüße :)

  8. Toll zu lesen und super lustig! Ich kenne ähnliche Situationen. Dein Blog macht echt Spaß und ist sehr interessant. Da ich auch 2 kleine Kids habe, sehe ich uns doch immer wieder.

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