Stadt versus Land: aus hippem Shopping wird Lebensmittel einkaufen

Wir haben uns den Traum vieler Familien aus der Großstadt wahr gemacht: Wir sind von der schicken Altbauwohnung mit Stuck mitten aus dem hippen Stadtteil Eimsbüttel in Hamburg ins beschauliche Münster in ein Häuschen mit Garten um die Ecke vom Feld gezogen. Hier ist die Welt noch in Ordnung. So sieht es auf jeden Fall der glückselige Münsteraner. „Lebenswerteste Stadt der Welt“ sagt er gerne. „…ihrer Größe“ unterschlägt er dabei.

Viele Familien in Städten wünschen sich für ihre Kindern, dass sie so groß werden wie sie selber. Ländlich, umgeben von Felder und Abenteuern. Frei spielen, im Garten, im Wald. Nach langer Suche haben wir für uns genau diese Idylle gefunden. Ein Haus mit Garten, um die Ecke das Feld. Die Kinder spielen draußen bis es dunkel wird und wir sitzen mit Nachbarn zusammen im Garten. Also alles eitel Sonnenschein?

Was man bei Träumen oft ausspart, ist die Realität. Und so beginnen wir bei diesem Artikel mal mit dem Einkaufen. Bestimmt kommt in der Zukunft noch mehr. Denn vieles ist hier anders. Um vieles habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht. So wie das einkaufen…

Der Großstädter oder die Großstadtmama schiebt gerne mit einem Coffee2go in der einen, den Kinderwagen in der anderen Hand, an hippen Läden vorbei. Window Shopping mit besten Aussichten. In unserem Viertel hier, was egal wo in Deutschland sein könnte, gibt es genau zwei Läden: einen Bäcker und einen winzig kleinen Supermarkt. Er ist übrigens kleiner als die Tanke, die früher bei uns in Hamburg direkt ums Eck war. Nein, es ist kein Bio-Supermarkt. Es ist ein Supermarkt der unteren Kategorie. Nennen wir ihn Netto, Penny oder Plus. Shopping-Erlebnis oder ganz wild Coffee2Go also Fehlanzeige in unserem Viertel.

Bin ich früher in der City auf dem Rückweg der Kita mal eben noch am Laden vorbei geschoben, oder hat Stefan bei abendlichen Gelüsten nochmal schnell den Rewe City kontaktiert, der bis 24 Uhr geöffnet hat, heißt es hier: Planung! In den Anfängen hier haben wir regelmäßig das Auto genommen, um einen der Kilometer weit entfernten Supermärkte für einen Großeinkauf anzusteuern. Überhaupt habe ich mich die ersten Monate hier auf dem Land eher wie ein Fernfahrer gefühlt. Kita eine halbe Stunde entfernt (ja, mit dem Auto), nächster dm ca. genauso lange. Das liegt nicht etwa immer an den Kilometern pro Strecke, sondern an den Bahnübergängen, an denen man hier gerne steht…

Mittlerweile kaufe ich einmal in der Woche auf dem Markt. Mit dem Fahrrad – DAS Verkehrsmittel hier. Einkaufserlebnis versus Eimsbüttel: nicht so hipp, dafür herzlicher und viel schöner.

Aber frisches Gemüse, das gab es natürlich auch in Hamburg City. 12 Jahre lang hat mich dort der beste Gemüsetürke mitten in der Schanze begleitet. Ohhh, was habe ich diesen Laden geliebt. Das Publikum so, dass du wahrscheinlich auch locker einen Fashion Blog mit den Streetstyles der Kunden füllen könntest…

Aber sag mal nicht, bei uns im Viertel könnte man nicht einkaufen… Kann man. Sogar direkt vor der eigenen Haustür. Ihr könnt euch ungefähr vorstellen, dass mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen sind, als ich zum ersten Mal den „Marktwagen“, oder wie soll ich es ausdrücken?, angetroffen habe. Einen Wagen im schicken dunkel-pastellgrün gehalten, der an unterschiedlichen Stationen halt macht und klingelt. Ja, so wie ein Eiermann. Dann wird die Theke aufgemacht und von überall her strömen die Rentner um dort einzukaufen. Echter Landverkauf mit Schinken, Wurst, frischem Fleischsalat, Kartoffeln, und natürlich Butterkuchen usw. Ich würde mal sagen, a little difference zum hippsten Türken-Gemüseladen mitten in der Schanze. Auch vom Style der Kunden.

Der Marktwagen kommt einmal die Woche, Ostern macht er Urlaub. Es klingelt und aus den umliegenden Häuser kommen die Rentner mit ihren Tabletts bewaffnet. Was das Hipster Einkaufsnetz oder der Statement Jutebeutel in der Großstadt ist, ist hier das Holztablett. Dort passen Butterkuchen, frischer Fleischsalat und Kartoffeln auch besser drauf. Anders als in Hamburg kommt man aber auch direkt mit allen ins Gespräch. Im Besonderen, wenn du Kinder dabei hast. Rentner und Kinder sind quasi ein Garant für eine direkte Unterhaltung.

Apropos Eiermann: Einmal in der Woche kommt die Eierfrau an die Tür. Bei ihr kannst du auch ein Hühnchen bestellen. Die „Eierfrau“ gibt es schon seit 50 Jahren – hat mir meine 81-jährige Nachbarin erzählt…

Die Ostereier oben auf dem Bild stammen aber noch vom Marktwagen. Bei der Eierfrau haben wir eine Palette (ja, es gibt hier auch über 10 Stück) Eier gekauft. Fürs Färben. Die Eier sind köstlich. Sie schmecken draußen noch besser als in der Altbauwohnung drinnen. Ob ich die Großstadt vermisse? Oft. Ob ich mich mittlerweile darauf einlassen kann bei dem Gemüsefrau auf dem Markt genauso einen Schnack übers Mittagessen zu halten wie hier mit den Rentnern am pastell-grünen Wagen über Spargelpreise? Ja, das kann ich. Und ehrlich? Ich mag es sehr gerne. Und wenn ich mal wieder ein bisschen WindowShopping machen möchte, dann fahre ich nach Hamburg.


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4 Gedanken zu „Stadt versus Land: aus hippem Shopping wird Lebensmittel einkaufen“

  1. HejHej Sarah,
    der Vergleich ist in diesem Falle aber eher Metropolen-Innenstadtviertel vs. Großstadt-Außenstadtteil. Vor allem im ersten Abschnitt deines Artikels kommt es eher so rüber, als wäre Hamburg eine Stadt und Münster das ‚Land‘. Das Leben, das du hier als Land bezeichnest, würde auch auf alle HH-Außenstadtteile zutreffen, wohingegen es in den Innenstadtvierteln von MS ebenfalls die Innenstadt-Coffee-to-Go-Moms und die 24h-Supermärkte gibt. Insgesamt finde ich den Artikel sehr zutreffend und lustig zu lesen, aber irgendwie fand ich den ersten Abschnitt leicht irreführend und hätte es eher umschrieben a la „Leben im Zentrum einer Metropole“ vs. Leben im Außenbezirk einer Großstadt. LG, Ronja

  2. Der Beitrag ist echt lustig geschrieben. Ich lebe in einem kleinen Dörfchen in NRW und hier gibt es gar nichts an Geschäften… Aber hey eine Kita haben wir! ☺️ Und zu den diversen Supermärkten, DM, Hofladen des Bauern usw. fahren wir nur 8 Minuten mit dem Fahrrad. Für uns perfekt☺️

  3. Genau so wie Ronja sehe ich es auch. Wir wohnen am Hamburger Stadtrand. Direkt am Feld. Und bei uns ist nichts hip. Wir haben zwar das Glück dass in 200 m Entfernung zwei Supermärkte, eine Drogerie, ein Friseur und eine Apotheke sind (das war bei uns in Hamburg City alles weiter weg), aber Schaufenster bummeln kann man hier weit u breit auch nicht. In Münster hingegen schon. Ich habe dort studiert und mitten in der Stadt gewohnt. Es war Herrlich. Münster ist ja nun kein Kaff, sondern eine lebendige Studentstadt.

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