Hätte, hätte, Fahrradkette – lebe ich im Heute, Morgen oder Gestern?

Da sitze ich hier und mache mir Gedanke, mittlerweile seit 4 Uhr heute Nacht. Vier Stunden Schlaf und dann ging nichts mehr, das Gedankenkarussell hat wieder angefangen sich zu drehen.

„Hätte, hätte, Fahrradkette“, ob ich mir das mal in chinesischen Schriftzeichen auf den Unterarm tätowiere? Oder am besten gleich ins Hirn. Denn ich bewege mich eigentlich am liebsten im „hätte“, „wäre“, „wenn“. Das ist scheiße, ich weiß, wie scheiße das ist und ja, es macht mir langsam Magenschmerzen, große Magenschmerzen. Der Kopf ist nicht mehr frei, die Gedanken lassen mich nicht los.

Eigentlich will ich im Morgen leben. Endlich ein Haus mit Garten für uns. Zwei Kaninchen für die Kinder, Lütti kann Fahrradfahren, ohne dass ich Schnappatmung kriege. Grillen auf Holzkohle wäre auch nett, Kaffee auf der Terrasse, während die Kids in der Sandkiste sind und ja, ich würde sehr gerne in den Beeten wühlen. Und während ich das hier so schreibe, denke ich, ich mutiere zum Spießer…

Aber wo ist das eigentlich? Dieses neue Haus? Wir haben für uns Entscheidungen getroffen. Nicht einmal, zweimal, immer wieder. Und dann sind wir immer wieder ins Wanken geraten. Warum? Weil all die Anstrengungen, die wir bisher unternommen haben, einfach nichts gebracht haben. Nichts, außer immer wieder Frustration. Wie lange kann ich diese Frustration noch aushalten?

Also finde ich mich im Gestern wieder. Hätte ich Gestern anders entschieden, wäre ich nicht in dieser Situation. Dann würde ich jetzt hier oder dort leben. Richte immer noch in Gedanken Häuser ein, die längst anderen gehören, überlege an Gärten vorbei zu fahren, in denen längst andere Kinder spielen und überlege krampfhaft, ob ich mich nicht hier und da hätte mehr anstrengen können. Mehr ins Zeug legen. Mehr Biss hätte haben müssen. Wäre dann heute alles anders?

Heute. Da sind wir also. Im Hier und Jetzt. Dieses Hier und Jetzt. Den Alltag mit meinen Kindern – ihre Kindheit, die ich doch eben noch viel schöner gestalten will, grüner, mit Tieren. Dieses Heute kann ich gerade oft gar nicht genießen, lasse es gar nicht zu. Das Heute, was ich habe. Ich befinde mich viel mehr im viel schöneren, bunteren Morgen und gräme mich über das graue Gestern. Dabei sollte ich doch eigentlich das Heute gestalten.

Unser Alltag ist ihre Kindheit – und die ist heute! Und heute, heute war ein ziemlich schöner Tag.


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5 Gedanken zu “Hätte, hätte, Fahrradkette – lebe ich im Heute, Morgen oder Gestern?”

  1. Ich versteh dich echt gut – ich kenn das…aber es hat mal jemand gesagt
    „Geplant und Perfekt gehört also schon lange dem Gestern an und das macht unseren Alltag zwar manchmal holprig, aber vor allem unheimlich schön.“ ;)
    Jo ist was wares dran. Muss man sich wohl öfter in Erinnerung rufen…
    Sei lieb gegrüßt.

  2. Immer wenn ich deinen Blog lese und deine Photos sehe, denke ich, was für eine schöne Wohnung, was für ein schönes Leben, in der Großstadt. – Man kann den Kindern so viel bieten (und für die Erwachsenen ist natürlich auch was dabei). Wir haben ein kleines Stadthaus, eng, schmal, verwinkelt, nirgendwo lichtdurchflutet. Ich wollte immer ein Haus und bin hier leider doch nie angekommen. Es ist eine „mittelgroße“ Stdt zwischen Köln und Bonn- hat vermeintlich alles. Mein Sohn kann mit den Nachbarskindern auf der Straße spielen, Fahrrad fahren und im Garten (wenn er dann mal gemacht ist) im Sandkasten spielen. Mein Weg zur Arbeit ist kurz. Wir haben einen Kitaplatz bekommen, der auch noch direkt um die Ecke liegt. Mein Mann macht tageweise home office und kann recht viel Zeit mit seinem Sohn (und seiner Frau;-)) verbringen und trotzdem bin ich so oft unzufrieden, strebe nach mehr. Nach der (deiner) schönen, großen Wohnung, nach mehr Kultur für mein Kind, für mich, nach Großstadt und Freiheit. Ich vermisse es jeden Tag neue Eindrücke zu bekommen. Warum kann man nicht einfach zufrieden sein? Das frag ich mich oft.

  3. Wenn man so sehr davon träumt, muss man es glaube ich machen. Wann wenn nicht jetzt? Man will es ja auch vor allem für die Kinder oder Nicht? Was hält euch auf?

    Wir sind aus Hamburg raus gezogen als mein Sohn 1.5 war und was soll ich sagen? Mein Leben ist sooo viel entspannter. Es läuft hier genauso wie du es beschreibst. Ich buddelschiff in den Beeten oder trinke kaffee, wahlweise aperol spritzen mit den Nachbarn oder wir grillen spontan, und die Kinder ab drei aufwärts fahren Fahrrad, Rollen, Skateboard,…unbeabsichtigt. Die kleinen spielen neben uns im Garten. Haustiere hat man hier auch. Und platz. Vor allem Platz. Und vor allem, ich setze mich ins Auto ound und bin in zehn Minuten in Eimsbüttel, setze mich in die S-BAHN und bin in 15 Minuten in Altona oder ich nehme im Sommer mein Fahrrad und bin in 25 Minuten in Hoheluft… Besser geht’s nicht. Aber weißt du was, ich habe immer weniger Lust darauf. Ganz ehrlich. Ich mache das nur, unreine Freunde aus der Stadt zum essen gehen zu treffen. Aber im Sommer kommen die mittlerweile alle viel lieber zu uns. Und wir sind wöchentlich in Hamburg, aber eher so was wie Hafenbecken, Planten un Blomen, Konzerte, Hafen Rundfahrten, planetarium, Elphi, Isemarkt, Indor Spielplätze, kunsthalle, usw. Wir nutzen das vielfältige Programm der Großstadt , aber haben hier auch Zuhause alles, was wir brauchen. Einen Garten und nette Nachbarn drumherum. Ich kann es nur empfehlen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, verkaufen wir vielleicht das Haus und ziehen nach ottensen. Who Know-how? Aber wann, wenn nicht mit kleinen Kindern, sollte man ländlicher wohnen?

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