Es gibt wohl kaum eine Zeit, in der sich ein Mensch mehr entwickelt als in den ersten zwei Lebensjahren. Uns Eltern macht jeder Schritt in der Entwicklung UNGLAUBLICH STOLZ, aber auch UNHEIMLICH WEHMÜTIG. Gerade wir Mütter hetzten oft irgendwelchen Alterszielen hinterher und vergleichen unheimlich gerne:

  • Und, isst deiner schon Brei?
  • Und, schläft deine schon durch?
  • Und, dreht deiner sich schon um?
  • Und, hat deine schon angefangen zu krabbeln?
  • Und, habt ihr schon einen Schlafrhythmus?
  • Und, läuft deiner schon?

Übrigens, an alle Mütter von kleinen Kindern: Leider hört das nie auf. Zwar wird es weniger, weil man weniger Kindertreffs besucht, nicht mehr bei der Babymassage ist oder sonstwo. Es hört aber nicht auf:

  • Und, habt ihr noch einen Schnuller?
  • Und, kriegt er nachts immer noch die Flasche?
  • Und, kann deine auch schon Laufrad fahren?
  • Und, ist deiner auch schon trocken?

Ich finde es sehr wichtig auf das eigene Kind stolz zu sein und es das auch spüren zu lassen. Aber ich finde auch nichts blöder als prahlen. Ich habe mir schon bei meiner ersten Tochter angewöhnt – und das auch so meinen Freundinnen mit jüngeren Kinder gesagt – niemals zu sagen: Uihhhh, sie schläft durch!!! Denn morgen sieht die Welt bei einem Kind oft schon ganz anders aus.

Hat es drei Wochen mit Begeisterung Brei gegessen, kann auch dann wieder eine Zeit kommen, in der es sich nur stillen lassen möchte. Vielleicht weil gerade viel los ist und es eben bei Mama doch sicherer ist.
Hat es gerade mal drei Nächte durchgeschlafen, braucht es dann vielleicht wieder drei Trinkmahlzeiten- vielleicht hat es einen Wachstumsschub. Es ist die ersten drei Schritte gelaufen und jetzt wochenlang nicht? Vielleicht fühlt es sich noch nicht sicher genug auf den eigenen Beinen.

Zielen hinterherrennen macht unglücklich und unzufrieden. Kinder müssen noch keine Ziele haben. Bücher wie Oje, ich wachse fand ich immer tröstlich, aber habe auch früh festgestellt, dass holländische Kinder offensichtlich reine Überflieger in der Entwicklung sind. Bei meinem zweiten KInd habe ich eine ganz andere Ruhe gefunden, ein Genießen des Moments. Denn den können wir als Mama leider nicht festhalten und so vieles ist bald vorbei. Dazu hatte ich ja schon mal was geschrieben. Ich freue mich über jeden Fortschritt meines Sohnes, nehme aber auch jeden Rückschritt an. Weil er dazu gehört. Mein Baby macht gerade seine ersten Schritte und ist wie ich UNGLAUBLICH STOLZ. Aber diese Schritte, dieses große stolze Lächeln im Gesicht, wenn er nun auf mich zuläuft, macht mich auch UNHEIMLICH WEHMÜTIG. Aber diesem Riesen-Entwicklungsschritt zollen wir alle auch seinen Tribut: Vom gut im eigenen Bett Schlafen bei der großen Schwester im Zimmer kommt er nun in der Mitte der Nacht wieder zu uns ins Bett. Ich sehe das nicht als Rückschritt, nein, ich genieße seine Nähe. Ich sehe das als einen Schritt zurück bei zwei Schritten vor und zudem als absolut notwendig an: Denn wenn man zu schnell läuft, dann fällt man.