„Heute schaue ich sie an und denke: Ich habe echt ein anderes Kind.“

Jeder wünscht sich den Traumstart mit seinem Kind. Jedem ist klar, dass es am Anfang auch anstrengend wird mit einem kleinen Baby. Woran wenige denken ist, was wird, wenn das Baby ein sogenanntes Schreikind ist. Was sind denn eigentlich Schreikinder? Kinder, die unter eine Definition fallen? Was steht eigentlich hinter dem Begriff Schreikind?
Ich habe über Instagram eine Mama kennengelernt. Eine Mama, die ungefähr zur gleichen Zeit wie ich ein Baby bekommen hat. Ihr drittes Kind. Eine erfahrene Mama, eine schöne Schwangerschaft, ein Wunschkind und eine recht unkomplizierte Geburt. Alles fein. Und das war es auch:
„Mir ging’s nach der Geburt super! Alles war perfekt!“
Fünf Wochen lang und dann fing es an, das Schreien.

Wie merke ich ob mein Kind ein Schreikind ist?

„Ich habe in den ersten Wochen schon gemerkt, dass die Kleine unentspannter ist als die älteren beiden es waren. Aber da habe ich mir erstmal nicht so viel bei gedacht. Vorsichtshalber mal einen Termin beim Osteopathen gemacht. Aber das machen ja mittlerweile ohnehin recht viele. Einfach die Babys mal durchchecken lassen nach der Geburt.“

Über diese gefühlte Unentspanntheit ihres Kindes hatte Christin früh mit ihrer Hebamme gesprochen. Diese versuchte sie zu beruhigen mit Aussagen wie: jedes Kind ist anders. Das war es aber nicht allein. Zwei Tage vor dem Termin beim Osteopathen war klar, da muss schon etwas mehr sein, denn da fing das wirkliche Schreien an. Der Termin brachte allerdings nichts, außer einem Folgetermin.

„Irgendwo hätte ich mir ja gewünscht, die Osteopathin hätte was gefunden. Aber auf der anderen Seite hatte ich auch das Gefühl, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Vielleicht hatte sie einfach eine Regulationsstörung und braucht meine Hilfe beim Einschlafen. Nähe. Sie ist nur noch nicht richtig angekommen. Das war, was ich dachte.“

Auch beim zweiten Termin eine Woche später fand die Osteopathin nicht wirklich etwas. Was blieb, war das Schreien, dass sich nicht beruhigen können, das nicht einschlafen können. Auch zwei Kinderärzte hatte Christin ergebnislos befragt. Medizinisch sei nichts festzustellen. Mittlerweile hatte sie eine weitere Hebamme und die Schreibambulanz um Hilfe gebeten.
„Mir ging es richtig schlecht. Als es mit fünf Wochen anfing, war mein Mann ja noch zu Hause. Er hatte sieben Wochen Elternzeit. Da konnte ich mich voll um die Kleine kümmern. Er hat alle anderen Aufgaben übernommen und war natürlich auch für unsere älteren beiden Kindern da. Als ich dann ganz auf mich allein gestellt war, habe ich den kompletten Einbruch bekommen. Ich musste mir eingestehen, dass ich den Alltag nicht hinkriege.“

Wer kann mir bei einem Schreikind helfen?

Mit dem Baby ist es immer schlechter geworden und dann hat Christin das gemacht, wofür ganz vielen der Mut fehlt und was doch so wichtig ist in solchen Situationen: Freunde und Familie um Hilfe gebeten, sie mit ins Boot geholt, nicht eitel Sonnenschein für die Welt da draussen bis zum eigenen Zusammenbruch.
„Ich habe meinen Vater angerufen. Meine Eltern waren dann alle drei Tage da und das, obwohl sie 150 km weit weg wohnen. Auch Freunde habe ich ins Boot geholt. Ich habe regelrecht Termine vergeben, wer wann die Größen bespielt und sie ins Bett bringt.“
Christin hat sich Zeitfenster gesetzt. Sie hat sich einen Zeitplan gemacht und der begann morgens, indem sie die Stunden zählte, wie lange es noch ist, bis sie das Baby abends in Bett bringt und wie viele Tage es noch sind, bis sie ein für sich gesetztes Ziel erreicht hat. Bis Ende dieses Monats müssen wir noch schaffen und dann ist es gut. Noch zwei Wochen. Dann bis spätestens Mitte nächsten Monats und dann ist es sicher durchgestanden. Daran hat sie fest geglaubt. Das hat ihr Halt gegeben.

„Am Anfang hatte ich vor allem ein schlechtes Gewissen meinen Großen gegenüber und ich habe sie vermisst. Ich habe sie so vermisst, dass ich abends geweint habe, wenn ich sie mal wieder nicht ins Bett bringen konnte. Und dann wollte ich natürlich auch nicht, dass sie ihre kleine Schwester nicht mögen.“
„Aber das schlechte Gewissen habe ich abgelegt. Ich habe es positiv für die Kinder gesehen, wenn sie am Wochenende bei Oma und Opa waren und dort verwöhnt wurden. Habe mit meinen Kindern gesprochen, dass nicht alle Babys so sind und dass die Mama gerade auch manchmal traurig ist. Und sie haben das verstanden. Haben mir Kraft gegeben.“

„Ich habe einmal gesagt, die Kleine ist wie eine Zwangsweste, die mir angezogen wurde. In schlimmsten Zeiten hatte ich sie 24 Stunden auf dem Arm und habe nicht gegessen und nichts getrunken. Ich habe oft gesagt, ich kann nicht mehr. Ich habe Gott sei Dank einen Partner, der gesagt hat, du schaffst das, du hast noch Reserven!“

Was können Ursachen für ein Schreikind sein?

Christin wurde ein Allgemeinmediziner empfohlen, welcher sich auch auf manuelle Therapie und Osteopathie spezialisiert hat. Viel Hoffnung das dieser nun endlich etwas diagnostizieren würde, hat sie nicht mehr, nachdem sie nun ja bereits einige Stellen befragt hatte. Aber, er hat etwas feststellen können: das Kiss-Syndrom. Die rechte Seite war stark in der Bewegung eingeschränkt ist. Er konnte endlich helfen undzwei Wochen nach seiner Behandlung ist eine deutliche Besserung eingetreten

„Trotz allem habe ich nie dem Baby die Schuld gegeben. Ich habe immer die Situation verantwortlich gemacht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchgehalten hätte. Heute genieße ich den Alltag wie noch nie zuvor. Auch wenn es mal einen schlechten Tag oder eine schlechte Nacht gibt. Dann denke ich: Pahh, nur eine Nacht!“

Was kann ich bei einem Schreikind tun?

Ich habe Christin gefragt, was sie Eltern raten würde, die in einer ähnlichen Situation sind. Ihr haben verschiedene Dinge geholfen.

  • mögliche Ursachen medizinisch abklären lassen, dabei aber immer auch auf das eigene Gefühl hören
  • um Hilfe bitten – bei Freunden und Familie (auch die bloße Gesellschaft von Freunden kann helfen, damit man sich nicht so alleine fühlt) und/oder bei öffentlichen Stellen wie der Schreiambulanz und Wellcome
  • die Situation annehmen, wie sie ist, ohne die Hoffnung und den Anspruch zu haben, das Baby immer sofort beruhigen zu können – das baut Druck auf beiden Seiten auf und laut Hebamme ist es okay, wenn Babys schreien, so lange man sie nicht alleine lässt
  • den Tagesrhythmus nach den Bedürfnissen des Babys ausrichten (aber dabei versuchen, auf ein wenig Regelmäßigkeit zu achten);Termine / Unternehmung, die einen stressen, vermeiden
  • Sich in der akuten Schreiphase EINE Beruhigungsstrategie überlegen und dabei bleiben (Tragetuch ODER Wippen auf dem Pezzi-Ball ODER Nonomo etc.) und nicht dauernd (die Position) zu wechseln (und so neue Reize zu setzen) – aber am besten eine Strategie, mit der man selbst gut leben kann. Mir tat vom vielen Tragen irgendwann so der Rücken weh, dass ich mich einfach hingesetzt, sie im Arm gewiegt und gesungen habe
  • Was zur Beruhigung beiträgt: Enge/Begrenzung (pucken, Tragetuch), Reizabschirmung, wiegen/wippen/tragen, Rausch-Geräusche (sch-Laut oder White-Noise)
  • darauf achten, dass man selbst nicht an der Situation kaputt geht (Ruheinseln schaffen, regelmäßig essen, Akupunktur, etc) und sich selbst nicht in Frage stellen

In diesen schweren Wochen stand für Christin an erster Stelle die Belastung, wenn sie an ihr kleines Baby gedacht hat. Nun macht diese Belastung einem Verliebtheitsgefühl Platz.

„Heute schaue ich sie an und denke: Ich habe echt ein anderes Kind.“